Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (25.4.1917)
- Article
- Deutschtum und Judentum
- Date
- 1917-04-25
- Page
- Seite 405 (sequence 5)
- Language
- German
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405 Dann ein anderes: aus den drei Merkmalen jüdischen Wesens, die ich oben glaubte feststellen zu können, ergibt sich die Neigimg zum Zweifel. Weil Juden vielfach von ihrem Verstand einen vielseitigeren und radikaleren Gebrauch machen, sind sie kritischer. Die jüdische Skepsis macht auch vor den Gefühlen, die wir anderen hätscheln, nicht halt. Das führt gelegentlich zu einem Mißverständnisse: gegenüber der Innigkeit und Unbefangenheit des deutschen Gemüts erscheinen die Semiten bisweilen gefühlsarm. Wer dieses Vorurteil hegt, ist jedoch oft bei näherer Berührung mit Juden überrascht über das Verständnis für seelische Vorgänge, das ohne Einfühlungsvermögen nicht bestehen könnte, und über die Feinheit des differenzierten Empfindens. Auch für das Unbewußte, Halbbewußte und Instinktive besitzen sie häufig eine Fähigkeit des Mit- und Nacherlebens, das bei der großen Mehrzahl der Deutschen nicht zu finden ist. Manche tieferen Geister werden deshalb aus ihrer schmerzlichen Einsamkeit nur von Juden, besonders aber von Jüdinnen befreit. (Um nur einen Namen zu nennen: Rahel Varnhagen.) Freilich führt die Aussicht, bei Juden Teilnahme für das Innenleben zu finden, oft auch im weiteren Verlaufe zu einem Stadium der Enttäuschung; denn wohl ist bei ihnen Verständnis zu finden, jedoch selten derselbe Glaube an das Ideal und dieselbe fatalistische Hingabe an die Idee. Vielmehr stößt die schwerfällige Innigkeit der Deutschen nicht selten auf die Ironie der Juden. Diese dehnen eben ihre Skepsis auch auf ihre eigenen tieferen Gefühle aus, die der Deutsche so gern von ihr verschont. Es wirken hierbei die langen Erfahrungen der Nachkommen eines alten Kulturstammes mit, die im Laufe der Zeiten reichlich Gelegenheit hätten, die Fragwürdigkeit aller, schlechtweg aller menschlichen Ideale kennen zu lernen. Sie wissen, wie naho Wahrheit und Unwahrheit miteinander verwandt sind, wie eng Hohes und Niedriges beieinander wohnen; sie haben das Mißtrauen gegen das Pathos gelernt und haben wahrgenommen, daß in den Tiefen der Seele nicht bloß Perlen ruhen, sondern auch Schlamm liegt. Juden, die durch Vererbung die Lehren von Enttäuschungen jeglicher Art in ihren Instinkt aufgenommen haben, können nicht mehr jeden Seelenakkord so gläubig und ergriffen hinnehmen, wie die in der Regel kindlicheren und im Psychischen unerfahrenen Deutschen. Bei dem, was die Klügeren unter den Juden denken und fühlen, sprechen vernehmlicher oder abgeschwächter Erkenntnisse mit, die man (wenn man sie schon in Worte prägen will) vielleicht so formulieren kann: das Schicksal ist grausam und das Leben erfüllt von Widersprüchen. Die Probleme, die es bietet, sind unlösbar. Man muß Nachsicht mit den Menschen und auch mit sich selbst, haben; man muß barmherzig und zur Verzeihung bereit sein. Aber auch: man muß seine Kräfte gebrauchen, mißtrauisch und wach sein, sich von Autoritäten nicht imponieren und sich nicht dumm machen lassen. Dabei übersehe ich nicht: der Gebrauch, den der Jude von seinem Verstände als von einem Kampfmittel macht, zerstört viel von dem,' was Deutsche bieder und gläubig gebaut haben. Auch fördert dia