Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (25.4.1917)
- Article
- Deutschtum und Judentum
- Date
- 1917-04-25
- Page
- Seite 404 (sequence 4)
- Language
- German
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404 gegenüber macht der Deutsche nur widerwillig und unter Hemmungen restlos Gebrauch von ihm. Es läßt sich nicht messen, ob potentiell die Intelligenz der Juden im Durchschnitte größer als die der Deutschen ist. Vielleicht dürfte sich herausstellen, daß bei einem die „stillen Reserven" mit berücksichtigenden Vergleiche die Denk-, Rechen- und Urteilsfähigkeit der Deutschen umfassender ist; aber die Gewöhnung zum selbständigen und erschöpfenden Gebrauche des Verstandes ist bei den Juden in der Regel größer. Aus der Beweglichkeit, Interessiertheit und Geistigkeit der Juden . ergibt sich, daß ihre Mitwirkung am nationalen Leben besonders den Alltag sehr befruchtet. Sie sind — das ist zuerst festzustellen — die geborenen Mittler zwischen den einsamen Genies und den Massen. Das deutsche Volk vermag von sich aus seine geistigen Führer nicht früh genug zu erkennen und anzuerkennen. Die Massen stehen denen, die auf eigenen, neuen Wegen voranschreiten, Verständnis- und teilnahmslos, oft feindlich gegenüber. Talent wird überschätzt und gepriesen, Tüchtigkeit respektiert; aber das Genie würde unaufgefunden im Kampfe gegen zahllose Widerstände in Deutschland müde und still werden müssen vor der Zeit, wenn ihm nicht die wacheren Juden, die für das Persönliche einen starken Spürsinn besitzen, hülfen. Es hat nicht viele große Geister in Deutschland gegeben, die nicht schon aus Dankbarkeit Philosemiten gewesen wären. Die Juden sind noch immer die Wechsler und Zwischenhändler des Geistes und erfüllen damit eine unentbehrliche Funktion im Kulturleben. Die antisemitischen Klagen, sie beherrschten Theater, Presse und Literatur, beweisen nur die größere Teilnahme der Juden am freien geistigen Schaffen, ihre geschickte Beweglichkeit und Vielseitigkeit. Will man ein Gegenbeispiel zu der elastischen Behandlung, die Juden den beständig wechselnden und delikaten Tatsachen des öffentlichen Lebens angedeihen lassen, heranziehen, so lese man den sehr bezeichnenden Aufruf der „Fichte-Gesellschaft von 1914u. Schwerfälliger, idealistischer, unpraktischer kann man kaum zu Werke gehen. Da heißt es etwa: Die Fichte-Gesellschaft „wird die Verbände zu praktischer Zusammenarbeit einladen, damit wir die öffentlichen Werkzeuge einer nationalen Volkserziehung, Bühne, Presse, Buch, Kunstvermittlung, Vortragswesen, unter völkischen Befehl bekommen". Kann man ungeschickter sein? Glauben die Herren wirklich, daß sich freie Geistesarbeiter damit gewinnen lassen, daß man ihnen zunächst mitteilt, ihr Schaffen würde nun unter „Befehl" gestellt werden? Mir ist nicht zweifelhaft: wenn die Juden nicht diese Verbindung zwischen den Dichtern, Künstlern und Denkern einerseits und der Öffentlichkeit andererseits herstellten, würde es an geeigneten, wirklich verständnisvollen Vermittlern fehlen. Man würde auch hier wieder „organisieren", sich also jener Lieblingsbeschäftigung der Deutschen hingeben, die in den meisten Fällen Kraftverschwendung bedeutet. Das geistige Leben der Nation würde sich ohne die Mitwirkung von Juden, viel träger und schwerfälliger vollziehen als mit ihr.