Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (25.4.1917)
- Article
- Deutschtum und Judentum
- Date
- 1917-04-25
- Page
- Seite 403 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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403 gewissenhaft, ernst und mit vollem Kräfteeinsatze getan wird. Die Vorteile eines solchen Verfahrens sind offensichtlich. Damit muß sich aber die Neigung verbinden, das Nebensächliche zu überschätzen und Kleinigkeiten gleichfalls wichtig zu nehmen. Die Einschätzung der Aufgaben ist oft überernst; eine leichtsinnige Auffassung eines Gegenstandes ist auch dort ausgeschlossen, wo sie angebracht wäre. Die deutsche Schwerfälligkeit und der Mangel an Elastizität des Geistes wirken hemmend. Selten sind Ironie, wahre Heiterkeit (Humor ist etwaä anderes), eine unbefangen ästhetische und sich ans Formale heftende Betrachtungsweise, Spott, Sinn für harmonische Größen- und Mengenverhältnisse, eben für Maße. Besonders aber: Die ernsteste und sachlich-gediegenste Grundlage, die es für Urteile und für das Verhalten geben kann, ist die rein sittliche. Da nun bei uns diese Neigung zum Ernste besteht, finden wir überaus häutig moralische Einschätzungen von Menschen und Tatsachen. Die Tendenz zum Moralisieren setzt sich oft auch gegenüber im Grunde moralisch irrelevanten Dingen durch. Audi die Amoralisten argumentieren mit Vorliebe moralisch. Da man in Deutschland alles ernst nimmt, macht man damit auch vor sich selbst nicht halt; besonders die eigenen Ideen und Gefühle werden mit größter Ernsthaftigkeit gewertet. Stets zeigt sich die Überzeugung: das Leben ist eine Aufgabe. Wir dürfen nicht spielen, weder mit anderen Menschen, noch mit uns selbst, am wenigsten aber mit geistigen Dingen, mit den Abstrakta. Da das ernste deutsche Leben mit seiner Sachlichkeit wenig Raum läßt für Spiel, Schönheit und Anmut, die weicheren Naturen unter den Deutschen aber gerade ob dieser Herbheit der Umwelt vergebens und unbefriedigt nach Erfüllung suchen, gibt es im geistigen Deutschland viel Sehnsucht, Träumerei, Lyrik und Musik. Dieser deutsche Mensch (nicht jeder) ist ein romantischer Mensch. Zwischen Traum und Wirklichkeit schaut er unüberwindliche Klüfte; zwischen seinem schmucklosen Alltage und seiner tastenden unbefriedigten Phantasie empündet er schmerzhaft den Widerspruch. Das ist eine sentimentale Stellung zum Leben; das naive, realistische Erfassen und Auskosten des Sinnlichen ohne tiefere Illusion liegt ihm mehr oder weniger fern. Demgegenüber fällt mir bei der Mehrzahl der Juden besonders die Beweglichkeit des Geistes und die (damit zusammenhängende) allzeit wache Interessiertheit, sowie der rasche Blick für die Situation auf. Bis zu einem gewissen Grade mögen diese Eigenschaften ein Ergebnis der Auslese in den letzten zwei Jahrtausenden jüdischer Geschichte sein. Der Jude macht in der Regel von seinem Verstand einen mehr oder weniger andersartigen und meist intensiveren Gebrauch als der Sprößling der kaukasischen Rasse. Er hat den Verstand als das für ihn brauchbarste und vollkommenste Mittel im Kampfe ums Dasein entwickelt. Deutsche — wie ich im folgenden der Kürze halber statt Deutsche nichtsemitischer Abkunft sagen möchte — gebrauchen in der Regel ihren Verstand viel unbefangener, umständlicher und langsamer. Besonders seinen Gefühlen und Vorstellungen