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Neue jüdische Monatshefte · 1917-04-25 · Heft 14 (25.4.1917) · p. Seite 402

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 14 (25.4.1917)
Article
Deutschtum und Judentum
Date
1917-04-25
Page
Seite 402 (sequence 2)
Language
German
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402 des deutschen Volkes die Gefahr mancher Einseitigkeiten und Schroffheiten vermindert, die sich gerade gegenwärtig in Deutschland wieder in stärkerem Maße zeigen, als vor dem Kriege, Es ist seltsam, daß man sich bei uns in Deutschland wohl über keine von feindlicher Seite geäußerte Verbalinjurie sichtlich so geärgert hat wie über die Bezeichnung Barbaren. Vielleicht wäre es bei ruhiger Überlegung besser gelungen, statt heftig zu erwidern oder sich womöglich gar mit Worten zu verteidigen, das Vorbild der Geusen nachzuahmen und das Schimpfwort als Ehrenbezeichnung anzunehmen. Freilich ist das Wort von Feinden Deutschlands in einem Sinne gebraucht worden, den man schon wegen seiner Unwahrheit zurückweisen , mußte. Aber es gibt einen Sinn des Wortes, in dem man es nicht als eine Kränkung anzusehen braucht. Ich meine den Gebrauch des Wortes als Gegensatz zur Kennzeichnung verfeinerter Menschen. Der Barbar hat gar viel vor diesem voraus. Er braucht durchaus nicht roher, mitleidloser, unvornehmer oder selbstsüchtiger als jene zu sein. Er ist nur einfacher, kindlicher, kräftiger, gesunder, einheitlicher, unbefangener und instinktsicherer als der verfeinerte oder (meinetwegen) überfeinerte Mensch. Seine Schwächen im Vergleiche zu diesem bestehen darin, daß er weniger Fähigkeit, Maß zu halten, geringeren Sinn für die Form und ein schwächeres Unterscheidungsvermögen besitzt. In diesem — weder tadelnden noch anerkennenden — Sinne erscheint mir der Deutsche gegenüber dem Juden als Barbar. Die große Kraft und ausgezeichnete Fähigkeit des durchschnittlichen deutschen Mannes liegt in seinem Vermögen, sicheinerSache mehr, als es im allgemeinen andere Rassen und Völker können, hinzugeben. Diese Eigenschaft ist von unschätzbarem Werte für Staat und Gesellschaft; sie ist aber auch die Voraussetzung für die Taten der großen, genialen Menschen, die über allem Durchschnitt weit emporragen, und die in der deutschen Geschichto (bei all ihrer Seltenheit) vielleicht doch noch häufiger sind als bei den anderen Völkern und Nationalitäten. Aber mit dieser glücklichen und vielfach nutzbaren deutschen Eigenschaft hängt auch eine beträchtliche Schwäche zusammen, die N?igung zur Übertreibung und Maßlosigkeit. Auf allen Lebensgebieten, wo die Hingabe an den Gegenstand von ausschlaggebender Bedeutung ist, leisten Deutsche Hervorragendes: in der Berufsarbeit, besonders als Unternehmer und Arbeiter, als Soldaten und Beamte. Dagegen erkennt man, daß überall, wo es auf Sinn für das Maß und die Form ankommt, die Deutschen weniger erfolgreich sind: als Politiker, Diplomaten, Bildhauer, Lebenskünstler. Unser Volk ist größer im Handeln und Leisten als im Sein. Barbarisch — wieder im guten und unguten Sinne — ist der deutsche Idealismus, der deutsche Staatsbegriff, der deutsche Sozialismus, die Pflichtethik, die in Deutschland häufig wissenschaftliche Behandlung der Künste. Daß Hingabo an die Sache und Mangel an Formensinn zusammenhängen, ist begreiflich. Jene führt dazu, daß jedwede Aufgabe gründlich,

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