Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (25.4.1917)
- Article
- Vom Mittlerberuf der Juden
- Date
- 1917-04-25
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
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399 auf alle zu. Nicht wenige Juden folgen bei dem Bestreben nach völliger Loplösung von jener Verbundenheit sehr achtbaren, ideologischen Erwägungen, sie erblicken in ihr eine Beschränktheit, eine Beeinträchtigung des Staats- und weltbürgerlichen Empfindens. Ihnen kann man erwidern, daß sie, durch eine Gedankenreihe verleitet, die von der Geschichte als irrig nachgewiesen ist, auf dem Wege sind, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Einst konnte man glauben, daß für den Juden der Weg zum Weltbürgertum, dieses höchste Ziel der Menschheitsentwicklung, durch die Einbürgerung in die konstituierten Nationen und die volle Teilnahme an deren Leben und Streben gehe. Diese Auffassung hat sich aber als nur zum Teil zutreffend erwiesen. Die Flutwelle imperialistisch-nationalistischer Agitation, die sich über einen Teil der großen Nationen ergossen hat, hat dort zur Ausbreitung einer Umdeutung des nationalen Gedankens geführt, die diesen in immer stärkeren Gegensatz zum weithin gerlichen Empfinden bringt. Wo sie tonangebend wird, droht das Einleben in die Nation, statt Durchgang zu einer höheren Stellungnahme in bezug auf die Völkerbeziehungen, zu einem Umweg zu werden, der zu einer tieferstehenden Urteils- und Handlungsweise den liierhergehörenden Fragen gegenüber abwärts leitet. An warnenden Anzeichen dafür fehlt es nicht. Vor der geistigen Ansteckung durch diese Strömung, die, worüber kaum noch ein Streit möglich ist, die größte Gefahr ist für das Volk, in dessen Mitte er lebt wie für die Menschheit im allgemeinen, findet der Jude einen Schutz in dem Gedanken, daß er aus einem Volk stammt, dessen Abkömmlinge als ein Ganzes betrachtet, da sie keine eigene Nation bilden, in der Tat der großen Völkerfamilie gegenüber im Gastverhältnis stehen. Dieser Gedanke aber kann auf der heutigen Stufe gesellschaftlicher Entwicklung der vorgeschritteneren Kulturländer kaum zu einer anderen als zu weltbürgerlicher Betrachtung der Völkerfragen führen. Einer solchen Betrachtungsweise sich hinzugeben und durch sie seine Stellung zu den Streitigkeiten der Nationen läutern zu lassen, ist für den Juden unter zwiefachem Gesichtspunkt Pflicht. Pflicht gegen die Nation, deren Mitbürger er ist, und Pflicht gegen die Volksgemeinschaft, der er entstammt. Er wird dieser letzteren am besten dienen, wenn er für alles das eintritt und wirkt, was die Völker verbindet, und alles bekämpft, was sie gegeneinander verhetzt, und er wird damit auch der einzelnen Nation einen nicht hoch genug einzuschätzenden Dienst leisten. Weltbürgerliches Empfinden ist nicht gleichbedeutend mit autinationaler oder antipatriotischer Gesinnung. Es verträgt sich durchaus mit Anerkennung der einzelnen Nationen als berechtigter Glieder im großen Organismus der Kulturmenschheit mit eigenen Bedürfnissen und eigenen Interessen. Aber es lehrt das richtige Maß finden für die Abgrenzung dieser Interessen den andern Gliedern und dem großen ganzen gegenüber. Es lehrt das, was die Völker verbindet, in den Vordergrund stellen gegenüber dem sie Trennenden. Von Rechts wegen sollte ein jeder soviel davon haben, um in beiden Beziehungen gegen