Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (25.4.1917)
- Article
- Vom Mittlerberuf der Juden
- Date
- 1917-04-25
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
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39Ö um eine bestimmte Gattung von Aufgaben zu tun, man könnte sogar sagen, um eine einzige Aufgabe, die allerdings ausstrahlend andere beeinflussen müßte, und für die ich am liebsten, wenn das Wort nicht zu herausfordernd lautete, den Ausdruck Sendung gebraucht hätte. Wenigstens empfinde ich selbst sie in diesem Sinne, lasse meinem ganzen Wirken von ihr die Richtung geben. Welches die Aufgabe ist, zeigt die Überschrift an, die der vorliegende Aufsatz führt. Es handelt sich um den Beruf von Mittlern, der den Juden nach meiner Überzeugung auf Grund ihrer Stellung unter dsn Völkern zufällt und den ich den Lesern klar und den Juden unter ihnen ans Herz zu legen wünsche. Wenn dem Judentum heute überhaupt noch eine besondere Aufgabe in der Kulturwelt zugesprochen werden kann, so nur die, als «vermittelndes Glied der Nationen sich zu betätigen. Die- Gottesidee der Juden und ihre Ethik sind keine Besonderheiten inehrr kraft deren sie beanspruchen könnten, über dem geistigen Höhepunkt ihrer Zeit zu stehen, Lehrer der Völker zu sein. Sie haben in bezug auf sie nichts zu bieten, was nicht auch andere, sei es in gleicher Reinheit, sei es in höherer Erkenntnisform verkünden. Aber ihre völkerpolitische Lage ist einzigartig, und aus ihr ergeben sich, wenn sie nach ihrer vollen Bedeutung erfaßt wird, Aufgaben, die keine andere- Volksgenossenschaft in gleicher Erhabenheit und gleichem Umfangezu erfüllen den Beruf hat. Die Juden leben unter den Kulturvölkern verstreut, aber sie leben unter ihnen nicht als Fremde, nicht mehr lediglich zu Gast. Sie sind in der Mehrzahl der Kulturländer, in denen sie ansässig geworden sind, Einheimische geworden, in das Kultur- und politische Leben als Mitbürger aufgenommen, denen zumeist nur wenig an der'vollen Gleichberechtigung fehlt. Der Ausdruck Wirtsvolk, der für die Nationen in Gebrauch gekommen ist, in deren Mitte Juden leben, wird, soweit es- 8i«;h um Juden handelt, die daselbst Bürgerrecht genießen, dem Verhältnis nicht gerecht, er sollte da durch einen besseren ersetzt werdenr den aber, soviel ich weiß, noch niemand gefunden hat. Jedenfalls sind jedoch dem Juden, der, sei es in Deutschland, England, Frankreich,. Italien oder irgendeinem andern Kulturland Bürger ist, die Deutschen od**r Engländer, Franzosen, Italiener usw. Mitbürger und nicht mehr bloß Wirte. Sie sind mit ihnen durch das Staatsbürgerrecht verbunden, das eine engere soziale Gemeinschaftlichkeit herstellt und aus dem sich auch höhere geschriebene und ungeschriebene Pflichten ableiten. Indes kann diese nationale Verbundenheit das eine nicht aus der Welt schaffen, daß dem Juden neben ihr noch eine andere Verbundenheit anhaftet, die, wenn sie richtig verstanden wird, jener durchaus keinen AI trag tut oder zu tun braucht, sie vielmehr sehr wohltätig ergänzen kann: die Verbundenheit mit dem Judentum im allgemeinen. Vielehaben sich gewöhnt, diese letztere Verbundenheit als ein Übel zu betrachten und streben danach, sich ihrer bis auf den letzten Rest zu entledigen. Soweit sie es aus Rechnungsträgerei tun, kann man ihnen . dazu nur alles Glück wünschen. Es trifft das jedoch bei weitem nicht