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Neue jüdische Monatshefte · 1917-04-10 · Heft 13 (10.4.1917) · p. Seite 391

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 13 (10.4.1917)
Article
Die "Polnischen Blätter" und die Judenfrage
Date
1917-04-10
Page
Seite 391 (sequence 3)
Language
German
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391 «.'hier' solchen Anerkennung leider wenig genug Ursache, und die „Polnischen Blätter" täten besser, dem Stadtparlament ihrer größten Stadt ins Gewissen zu reden, nls zu verdächtigen. Der Aufsatz wendet sieh dann der nationalen Frage als solcher zu. Auch hier laufen dem Verfasser eine Reihe von Unrichtigkeiten unter. So z. P>„ wenn er meint, dal'» die konservativen .Juden in Polen lediglich hren religiösen Ideen leben und den nationalen ablehnend gegen- . überstehen. Wae es damit in Wirklichkeit steht, das haben die Waiden in der (). Kurie in Warschau und mehr noch die in Lodz gezeigt. In Wirklichkeit bestand in Warschau die Wühlerinasse, welche die Kandidaten der Volkspartei wählte, größtenteils aus konservativen Juden. Und in Lodz hat. wie ja jedermann bekannt ist, das ganze chassidische Judentum seine Stimme für die nationale Liste abgegeben. Es ist überhaupt ein weitverbreiteter Irrtum, anzunehmen, daß das orthodoxe Judentum nicht national empfindet. Religiöse und nationale Motive gehen on den Kreisen der 0>tjiulen schon infolge des rein nationalen Charakters der Religion, aber auch infolge der gewerblichen und soziahm Abschließung so ineinander über, daß von einem antinationalen Geiste des orthodoxen Judentums gewiß nicht gesprochen werden kann. Richtig ist, daß das orthodoxe Judentum, und zwar vor allen Dingen die Chassidim, häufig den nationalst i s c h e n P a r t e i e n in ihrer Eigenschaft als p o 1 11 i s c< h e K ö r p e r s c h a f tv n ablehnend gegenüberstehen, und zwar deswegen, weil bei der politischen Unreife der Masse der Sinn für die Bedeutung der politisch-nationalen Arbeit fehlt, weil die Masse das ihr selbstverständliche national-religiöse Empfinden nicht in Programme zu formen vermag', und dann auch, weil ihre Führer glauben, daß durch eine politische IJetiltigung eine Beeinträchtigung der Religion und ein Hinausgleiten der Massen aus den Händen der gegenwärtigen Leitung erfolgen könnte. Daraus aber zu' folgern, daß die Masse an sich keine nationalen 1 n - stinkte habe und sich gegen eine Beeinträchtigung ihres national-kulturellen Empfindens nicht wehren würde, ist durchaus abwegig. Niemand will dieses „reine Mittelalter", wie der Verfasser es nennt, etwa für alle Zeiten potrifizieren. Aber was hat das mit nationalen Sehul- und Kulturfordemngcn zu tun? Wer sich rühmt, geschichtliche Vor^Rn^c zu kennen und gar mit den sozialen Verhältnissen vertraut zu sein, darf wirklich nicht Vergleiche mit deutschen Verhältnissen heranziehen, wie es der Verfasser tut. In Deutschland bilden die Juden einen winzigen Prozentsatz der Bevölkerung, sie sprechen nicht infolge eines äußeren Zwanges, sondern infolge eines natürlichen historischen Entwicklungsganges die Landessprache und leben völlig im deutsehen Kulturmilieu. Da wäre es freilich lächerlich, wenn an Charlottenburg oder Frankfurt a. M. ein Rechtsanwalt plötzlieh im Jargon reden wollte. Wenn aber in einer polnischen stadt ein aus dem Ghetto stammender Rechtsanwalt sich seiner Muttersprache im Interesse seiner Klienten bedient — in Stadtverordnetenversammlungen ist das unseres Wissens nie geschehen —, oder wenn die Massen fordern, daß man ihre Kinder nicht zwingt, dem Unterricht in einer Sprache zu folgen, die sie überhaupt nicht verstehen, so liegen doch hier so ganz anders geartete Verhältnisse vor, daß sie jedermann ohne weiteres einleuchten müssen. Der Aufsatz enthält dann einen Passus, der niedriger gehängt, werden muß. Es ist durchaus willkürlich, zu behaupten, „daß der Unwille der Polen gegenüber dem jüdischen Nationalismus allgemein sei, weil der jüdische Nationalismus ein Fremdkörper in einem Lande sei, das seil

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