Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (10.4.1917)
- Article
- Die "Polnischen Blätter" und die Judenfrage
- Date
- 1917-04-10
- Page
- Seite 392 (sequence 4)
- Language
- German
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392 1000 Jahren nur polnisch war!" Der oberflächliche Kenner polnischer Geschichte weiß, daß der jüdische Nationalismus in Polen eine historische Tatsache ist, daß die Juden in Polen früher sogar eine politische Autonomie besaßen und daß daff*fcand niemals ein Nationalstaat, sondern stets ein Nationalitätengebilde gewesen ist. Niemand will die Juden in Polen germanisieren. Kein deutsches Komitee und keines seiner Mitglieder hegt diesen Wunsch. Und die zum Beweis dafür vom Verfasser angeführten Fälle sind gänzlich bcweisunkräftig. Die Freiheit des Beharrens in der ihr eigentümlichen, vererbten kulturellen Eigenart muß den Juden Polens erhalten bleiben, solange sie selbst das wünschen, und zwar nicht nur um ihrer selbst, sondern auch um der Polen willen. Denn ein bedrücktes und zur Zwangsassimilation verurteiltes Judentum würde andauernd ein Faktor der Unruhe in dem neuen Lande sein, einer Unruhe, die ihm jeder Einsichtige ersparen helfen sollte. Und da wollen wir denn zum Schluß feststellen, daß der Verfasser nach seinen vielen ungerechtfertigten Angriffen und Behauptungen selbst ziemlich unvermittelt „für die Autonomie derjenigen Juden eintritt, die ihn* kulturelle Eigenart bewahren möchten." Das ist ein wichtiges Zugeständnis, dessen wir uns freuen und über das ja unsere eigenen Forderungen nicht hinausgehen. Nur meinen wir, daß die Kulturgemeinschaft berechtigt sein muß, ihre Schulausgaben von der allgemeinen Staatssteuer in Abzug zu bringen. Und wenn sich auf Grund der scheinbar allmählich heranwachsenden Erkenntnis eine Vereinbarung treffen läßt, so wird das deutsche Judentum stets freudig bereit sein, in die dargebotene Hand einzusehlagen. Eine politische Autonomie in territorialem Sinne, wie si«k der Verfasser verurteilt, wünscht in Deutschland wohl niemand für die Juden Polens, und jedermann ist durchaus damit einverstanden, daß Polen ein polnisches Land wird. Freiheit und Oleichberechtigung sind schöne Worte, aber sie dürfen eben nicht leere Begriffe bleiben. Es müssen ihnen Taten folgen, und diese müssen bestehen in der Gewährung voller Freiheit der Überzeugungen in religiöser, politischer und kultureller Beziehung. Dr. Adolf Friedemann. QD OD030303OD 030 Umschau 03 OD OD OD OD OD ODOD Notizen zur1 GcmctndcpoHük Deutschland 1. Ohne sichtbare äußere Veranlassung war es dem preußischen Kultusminister im Januar d. J. eingefallen, durch einen neuen Erlaß den jüdischen Religionsunterricht in den höheren Schulen, der ohnehin schon in der behördlichen Wertung das Stiefkind unter allen Schulfächern ist, noch weiter zurückzusetzen: In den Schulzeugnissen sollte unter „Religionslehre" das Prädikat fehlen und nur^uf Wunsch der Eltern auf ein besonders beizufügendes Zeugnis des jüdischen Roligionslehrers verwiesen v/erden. Dem energischen Eingreifen des Rabbinerverbandes und des D.J.G.B, ist es gelungen, einen neuen Erlaß des Kultusministers vom 17. März herbeizuführen, der nicht nur die erst im Januar angeordnete Reform wieder aufhebt, sondern darüber hinaus sogar in den Abgangs-. Schluß- und Reifezeugnissen ein Prädikat für . jüdischen Religionsunterricht zuläßt. Gewiß ein schöner Erfolg auf dem Wege zur Gleichberechtigung! Aber daß es im Januar 1917 noch möglich war, vom .,preußischen Ministerium des Geistes" eine weitere Zurücksetzung des jüdischen Religionsunterrichts zu erfahren, sollte allen Juden doch zu denken geben. Steht der Erfolg des jüdischen Reli-