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Neue jüdische Monatshefte · 1917-04-10 · Heft 13 (10.4.1917) · p. Seite 385

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 13 (10.4.1917)
Article
Simon Samiel Frug
Date
1917-04-10
Page
Seite 385 (sequence 5)
Language
German
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365 naiven, kindlich anmutenden Weisen Ausdruck gab — als glühende Seele, die von der hehren Mission eines Volksdichters durchdrungen war und das tiefste Sehnen der Judenmassen erfaßte, wuchs er unwillkürlich, getragen vom mächtig widerhallenden Echo Millionen lechzender Seelen. Der Volks.- chter als Ausdruck breitester Massen, die Volksmassen als tiefster Nährboden nationaler Dichtung — dies eigenartige Schauspiel offenbarte sich einzig an der Wiege der jiddischen Literatur. Ein Träger solcher Dichtkunst war Frug. Als Fertiger und Anerkannter kam er zur jiddischen Literatur. Man könnte auch sagen — er stieg zu ihr hinab. Der russische Ghettojünger, der aus der „Raßwiet" hervorgegangen, sich allmählich im Meere allslavischer Kultur zur Höhe echten Künsflertums emporgerungen hat, sah in der jiddischen Sprache nur „ein altes verhuzcltes Geschöpf, mit kranken, kurzsichtigen Augen, vorjammert, in Lumpen gehüllt4*." Ein Notbehelf, zu dem sich ein ernster Künstler nicht ohne Widerwillen herbeiläßt. Diese Meinung lag wühl in der Richtlinie der Entwicklung dieser Literatur. Allerdings wars ein bezeichnendes Merkmal der Zeit. Frug ging den Weg a rebours. Während bisher aus den Judengäßchen Hervorgegangene mit dem ganzen Ungestüm Neuerer in den Wellen der europäischen Kultur zu verschwinden trachteten, verspürte Frug die ganze Leere solcher Selbstverleugnung. Der Weltkultur, die seit Mendclsohn bereits zum Programm erhoben wurde, stellte er die Nationalkultur entgegen. Und da dem hebräischen »Schrifttum der Sinn für Realität abhanden gekommen war, fand er im .Jiddischen am trefflichsten die Eigenart des jüdischen Volkstums ausgeprägt. Daß dem reifen, auf. der Höhe echten Künstlertums angelangten Dichter die Wendung zur verachteten Volksliteratur, die ohne Tradition sich erst vom Überwuchern fremder Elemente loszulösen begann, zu einer schmerzlichen Selbstüberwindung ward, bekannte er in tiefernsten, wenn auch von einem leisen Spott überhauchten Worten: ..Ich hob myi dem letzten Zuhn gebissen yn gervssen den Jargon'*. Notgedrungen und mit dem verbissenen Groll weltmännischen Hochmuts stieg er zu diesem Stiefkinde der Judenseele hinab und blieb zuletzt mit dem ganzen Herzeleid an ihm hängen----Wie so mancher mit ihm und so viele nach ihm. Für die einen eine Erlösung und Erfüllung, für die anderen der Keim seelischer Kämpfe und tiefsten Leids. . . . Ein Leben voll Widersprüche und eine Dichtung, die den Stempel der Tragik trug. Er schrieb russisch und fühlte jüdisch, er dichtete jiddisch und ward zeitlebens beeinflußt vom berauschenden Strom russicher Mystik. Aus dem jüdischen Landleben geriet er unmittelbar ins

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