Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (10.4.1917)
- Article
- Simon Samiel Frug
- Date
- 1917-04-10
- Page
- Seite 386 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908704-2909621--0653-2909663- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
356 tolle Gewühl von Petersburg und Odessa, und kaum ausgetobt, stieg" er in die Niederungen des jüdischen Kleinstadtlebens herab. Ein Weltbürger und jüdischer Kleinstadtkrämer. Im Jiddischen vermochte er nicht vollständig aufzugehen, dem Russichen wollte er nicht seine ganze Seele hingeben — und so flatterte er sein Lebenlang ruhelos und voll wühlenden Schmerzes zwischen zwei entgegengesetzten Polen. Zu diesem Zwiespalt des modernen Juden gesellte sich die Tragik des Künstlers hinzu. Frag kam als jüdischer Bauernmensch zu uns und erstickte allmählich im Moder dumpfer Überlieferung. Er brachte den gesunden, einfachen Erdgeruch heimatlicher Scholle aus den blühenden Feldern Wolhyniens, doch in dem Jiddischen verwelkte "seine duftige Blütensprache unter dem Zwang eines Lebens, das der Erde entrückt war und einer Sprache, die erst um die primitivste Form zu ringen begann. Der urwüchsige, lebensstrotzende Dichter und erste Künstler, der ans Europa ins Ghettoschrifttum eindrang, verwandelte sich allzubald in einen tränenerfüllten Elegisten des jüdischen Lebens. Der alte Judenrichmerz wurde zu einem alle seine Schöpfungen durchflutenden Element. So blieben die jiddischen Werke Frugs ein matter Abglanz eines großen Dichters, dessen tiefste Seelensehwingungen sich nur in einer fremden Sprache offenbarten. Im Russischen ein Echter, Wahrer und Großer, ward er im Jiddischen ein matter, ermüdeter und zerklüfteter Epigone. Und hier lag vielleicht seine tieste Tragik, die zum schmerzlichen Schicksal eines ganzen Geschlechts heranwächst. Die Zwiespältigkeit der Sprache als ureigenster Trieb jeder Dichtkunst, in der die schöpferische Kraft so mancher Judenkünstler erstickt. In fremden Sprachen leuchtet sie in vollem Glänze echten Künstlertums auf, in der eigenen, zu der sie ein ungestümes Sehnen und die historische Notwendigkeit zieht, vermögen sie nur mit tränenerstickter Melancholie von Dichterlingen zu schaffen. . , . Erst am Sterbebette begann Frag in hebräischer Sprache zu dichten. War dies nur ein Zufall oder ein folgerichtiger Ausklang seines steten Ringens um eine Form für die erwachende Judenseele? Das Haupt des sterbenden Dichters mochte wohl zum erstenmal ein Hauch vom Siegesjubel umflattern, als er nach, langem, bangem Suchen bei der Ursprache des Judenvolkes landete. Vom Russischen über das Jiddische zum Hebräischen. Von Europa über die Diasporablüte zur ureigensten Judenkultur. — Der Leidensweg des modernen Juden. . . . Beinahe klingts wie ein Symbol.