Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (10.4.1917)
- Article
- Simon Samiel Frug
- Date
- 1917-04-10
- Page
- Seite 384 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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384 was Jahrtausende geschaffen, und die Idee der Nationalkultur Ubertönte allmählich den hochtönenden Ruf nach Umwertung alles Jüdischen. In einer Reihe überragender Individualitäten loderte mit Ungestüm das nationale Selbstbewußtsein der Judenmassen auf. Pinsker, Lilienblum und die stolze Schar der ersten Bilu-Enthusiasten kennzeichnen die tiefe Umwandlung1, die sich unter dem Schauer geschichtlicher Ereignisse im Judentum vollzog. Die jiddische Literatur, die gerade damals mächtig aufblühte, ward dieses Zeitabschnitts trefflichster Abglanz. Dienesohn mit seinen großangelegten Romanen des jüdischen .Kleinstadtlebens, Abramowitz mit. dem Lächeln eines allwissenden Spötters und Perez mit dem weltmännischen Übermut eines Ghettostürmers erfaßten den ganzen Jammer sterbender Welten wie auch das Frohlocken hervorbrechender Wahrheiten und verewigten sie in einer Reihe unvergänglicher Dichtungen. Was das hebräische Schrifttum, das dem Alltagsleben entrückt war, nicht vermochte, das gelang im Jiddischen einer Handvoll hervorragender Ghettojünger, die aus den Niederungen des Volkslebens hervorgingen. Jedem auf seine Art. In Mendele und Scholem Alejchem leuchtete die ganze Tragikomik des jüdischen Daseins auf, Perez flüchtete in Gebiete chassidischer Mystik und Morris Rosenfeld schüttete den Groll von Jahrhunderten in Tönen wütenden Zornes aus; die einen suchten Trost, die anderen Offenbarungen stiller Romantik, Frug allein ward zur Knie des nationalen Martyriums. Kummer, Trauer und unermeßliches Seimen nach Erlösung ans dem Alpdruck der Lebensnot erzittern in allen Dichtungen Frugs. Eine Schar heimatloser Heloten ward ihm das Volk, zu einer jämmerlichen Golusblüte seine Sprache. Und da sich ihm die Gegenwart in eine düstere Hölle verwandelte, flüchtete er in die Vergangen])eit. So sali er in der biblischen Heldenzeit die Erfüllung seiner tiefsten Sehnsucht und biblische Motive verwendete er in bunter Fülle für seine Balladen. Lieder und epische Dichtungen. Wie das Geschlecht, aus dem er hervorging, hing er mit allen Fasern seiner Seele an der Gegenwart und verherrlichte um so inbrünstiger die Vergangenheit. Entgegen der. Neuerungssucht der Maskilim, versucht der Dichter eine Brücke zur Vergangenheit zu schlagen und predigt die Rückkehr zu den religiösen Gebräuchen und Lebenstradition, die Jahrtausende geschaffen. Wie der Dichter in der Vergangenheit den Nährboden kühnster Träume fand, so suchte er deren Erfüllung in der Zukunft. Ein Volk, geeinigt durch den ehernen Lebenswillen, eine Schar krafttrotzender Bauernjudon, die mit ihrem Herzblut mit der Heimatscholle verwachsen, zum Grundstock werden jeder Nationalkultur, zeichnete Fing mit stiller Wehmut und ward so zum trefflichen Künder der erwachenden - Judenseele. Er mochte wohl kein überragender Dichter gewesen sein, der aus der Not des Augenblicks erstanden, der Tragik seines Geschlechts in