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Neue jüdische Monatshefte · 1917-04-10 · Heft 13 (10.4.1917) · p. Seite 383

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 13 (10.4.1917)
Article
Simon Samiel Frug
Date
1917-04-10
Page
Seite 383 (sequence 3)
Language
German
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383 Das tiefe, beinahe inbrünstige Naturempfinden, das in den ersten Liedern Frugs sich offenbarte, war neuartig und wirkte an der Wiege der jüdischen Volksliteratur bahnbrechend und richtunggebend. Die unmittelbaren Vorgänger Frugs, welche die pilpulistische Klügelei der damaligen Haskalabewegung auch in Gebiete der Kunst zu verpflanzen versuchten, waren blind gegen Naturreize. Eine Folge übrigens der Überlieferung von Jahrhunderten, die zum Charakterclement wurden einer ganzen Volksmasse. Im Laufe der Diasporaging den Juden das urwüchsige und unmittelbare Naturempfinden abhanden. Die Wucht der erdnickenden Erlebnisse in der äußeren Welt und die suggestive Macht des religiösen Schrifttums auf das Seelenieben töteten mit der Zeit in den Juden das unmittelbare Verhältnis zur Natur. Die wurde zum Abglanz der heiligen Bücher und nicht als Ursprung allen Seins betrachtet und gewertet. Nicht das, was er in der Natur sali, sondern wie sie die Bibel sah und beschrieb, drängte sich seinem Gefühlsleben und seiner Anschauung-weise auf. In der Überlieferung erstarrte sein Empfindungsvermögen und vom Blendwerk des Heiligtums wurde er in Blindheit geschlagen gegen die unendliche Fülle der Naturerscheinungen. Frug, der auf einer Bauernscholle heranwuchs, begann als erster mit. glühendem Frohlocken die unerschöpflichen Wunder der Natur zu schildern. Das Entzücken des naiven Judenkindes beim Anblick der blühenden Felder und der aufflackernden Sterne äußert sich zum erstenmal in klaren, ungekünstelten Tönen des jüdischen Volksliedes. Wenn auch Abramowitz, der Altvater der jiddischen Volksliteratur, dem erwachenden Naturempfinden in köstlichen Novellen und Skizzen Ausdruck gab, so war die Naturschilderung ihm nur Nebenzweck und eher Zufallsdekoration des Lebens, als ein Ursprung und Quelle 'ewiger Erneuerung. Bei Frug jedoch ist die Naturschilderung Selbstzweck und Grtmdton. Es war dies das erste Aufleben der Romantik, die eben die Vorherrschaft der Haskala abzulösen begann. Zur Zeit tiefergreifendster Umwälzungen im russischen Judentum der achtziger und neunziger Jahre reifte die Individualität Frugs heran. Zwischen Jelisawetgrad und Kischinew schuf er seine besten Werke. Jelisawtgrad und Kischinew. Schon die äußeren Grenzlinien geben seiner Dichtung das Gepräge historischer Bedeutsamkeit. Während die Judenmassen vom Orkan wütender Pogrome aufs tiefste erschüttert wurden, wurde das Bewußtsein nationaler und sozialer Eigenart gewaltsam aufgerüttelt und mit einem Schlag auf das Gebiet moderner Weltanschauung hiniibergeleitet. Die Haskala mit ihren kosmopolitischen Ideen brachte eine Welle bitterster Enttäuschungen über das damalige Judentum, wenn sie auch erneuernd und befruchtend auf den Gesamtorganismus eingewirkt hatte. Die Sehnsucht nach nivellierender Weltkultur vermochte kaum in einem Jahrzehnt umzugestalten.

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