Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (10.4.1917)
- Article
- Simon Samiel Frug
- Date
- 1917-04-10
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
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3S2 J_:______ Ist es die allzugroße Üppigkeit der russischen oder die Dürftigkeit der jiddischen Literatur, die dieses Rätsel erklären? Es gibt Dichter, bei denen trotz aller Schwere und Ungelenkigkeit ihrer Schöpfung ein Hauch des Ewigen hervorleuchtet. Es gibt andere, bei denen man trotz des Scheins bahnbrechender Bedeutung des Gefühls des Kleinlichen und Beschränkten nicht los wird. Frugs russische Dichtungen gemahnen an Lermontow und Puschkin, doch in seinen naiven, tieftraurigen jiddischen Liedern erzittert die unermeßliche Sehnsucht von Millionen, und eben das Echo jüdischer Tragik . verleiht ihnen das Gepräge unvergänglicher Kunstwerke. * Seine Zionslieder, die durchglüht waren von Reue und Liebe eines zum Volke wiederkehrenden und aus dem Volke schöpfenden Dichters, seine Arbeitslieder, in denen zum erstenmal im Jiddischen die Wut erwachender Sklavenscharen zum mächtigen Ausdruck gelangt, .seine Allegorien, Parabeln und Satiren und vor allem das urwüchsige Natnrempfinden Frugs, wirkten befruchtend und bahnbrechend gerade an der Wiege des jiddischen Schrifttums. Um so mehr als der Dichter bereits als anerkannter russischer Schriftsteller sich der jiddischen Literatur zuwandte und in die Reihe klügelnder Versmacher moderne Technik und europäisches Künstlertum hineinbrachte. Daß ihm die Sache nicht leicht wurde, bekannte er nur allzuoft. Er fand noch eine spröde Mischsprache vor, in der sich berufene und unberufene Dilettanten zügellos gebürdeten. Mit Groll und Trotz eines zielbewußten Künstlers ringt er ihr die klarsten Töne des Volksliedes ab. AU das Streben und all das unendliche Leid Millionen Menschenkinder von der Wiege bis zum Grabe fanden in Fing einen tieffühlenden Deuter und Künder. Daß er sich allmählich aus dem Jammer des jüdischen Daseins zur Idee ewigen Ringens und der Wiedergeburt des Judenvolks emporschwang, verstärkte noch die Wirkung auf das nationale Bewußtsein der Juden Rußlands und weckte eine Fülle schlummernder Kräfte, die auch auf das Gesamtjudentum ausstrahlten. Schon die Umgebung, aus der Frug hervorging, war ganz neuartig. Im Jahre 1860 in einer jüdischen Erdarbeiterkolonie in Bobrowi Kut (Gouvernement Cherson) geboren, vereinigte er in sich die Tradition kleinstädtischer Krämer mit der Urwüchsigkeit russischer Musehicks. Die Elemente der letzten überwogen wenigstens zu Beginn seiner dichterischen Betätigung. N Wenn jüdische Dichter herkömmlicher weise au» dem russischem Ghetto den ganzen Jammer des Judenelends in die jiddische oder hebräische Literatur hineinzerrten, brachte Frug als erster mit sich Erdgeruch und die erlösende Wonne eines aus der Scholle herausgewachsenen Naturkindes.