Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (10.4.1917)
- Article
- Deutschtum und Judentum
- Date
- 1917-04-10
- Page
- Seite 375 (sequence 4)
- Language
- German
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375 Volkseigenschaftcn festzustellen, die sich nur bei diesem Volke finden, bei Anderen aber gar nicht oder nur in beträchtlich minderem Grade1). Wo solche Versuche der Völkerpsychologie gemacht werden, wird swar selten etwas ganz Falsches geboten, handelt es sich aber in der Hegel um mit Fehlern reichlich beladene Annähenmgen an Halbwahrheiten. Einmal ist die soziale Umwelt eines Kulturvolkes (die zwar nicht die Eigenschaften des Menschen allein schafft, sie aber stark beeinflußt) nie so völlig verschieden von der eines anderen, daß sie an den Menschen ganz eigentümliche. Merkmaie entwickeln könnte. Ferner reagieren innerhalb eines Volkes die Einzelmenschen doch immer noch verschieden genug auf gleiche Einflüsse, um — wenigstens bei Völkern und Nationalitäten älterer Kultur — kein ganz einheitliches Bild darzubieten. Wer das zugibt, muß zu dem Ergebnisse gelangen, daß man .solche Untersuchungen, wie die uns hier interessierenden, nur mit Zurückhaltung und Vorsicht machen sollte. Bei ihnen wie schließlich bei allen vergleichenden Betrachtungen von Tatsachen des Lebens kommt man stets zu dem letzten Satze, der freilich als solcher recht trivial klingt, der aber eben in seiner Gültigkeit schlechthin für alle gesellschaftlichen Verhältnisse von Bedeutung ist: die Menschen sind untereinander gleich und verschieden. Bald drängt sich dem Beobachter mehr die Unterschiedlichkeit, bald mehr die Übereinstimmung auf. Lst man der einen Betrachtungsweise eine Zeitlang nachgegangen, offenbart sich manchmal verblüffend stark und unerwartet die andere Erkenntnis. Weil es nicht möglich ist, das Größen Verhältnis der Gleichheit zur Verschiedenheit exakt zu bestimmen, deshalb ist die Neigung zu anderen Methoden, zu Spekulation, teleologischen Ausdeutungen, Idealisierungen, Symbolisierungen, so stark. Wenn ich trotz dieser Skepsis selbst ein paar Bemerkungen über Deutschtum und Judentum zu formulieren versuche, so muß ich mich, entsprechend meinem Zweifei an der Erkennbarkeit des Gegenstandes in seiner Totalität, auf Mitteilung von ein paar Erfahrungen und Beobachtungen beschränken, die ich als Material ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit und noch viel weniger auf Vollständigkeit der gezogenen Schlüsse darbiete. Dieser Versuch wird 'mir dadurch erleichtert, daß es mir eher möglich scheint, deutsches Volkstum und jüdische Nationalität zu vergleichen, als irgendeine, andere Volks- oder Stanimcsgruppe dem Deutschtum gegenüberzustellen: denn bei der Entwicklung des Judentums haben sich in einem geradezu seltenen Maße Tatsachen gehäuft, die zur Entstehung von Kon-uktiveigenschaften beigetragen'haben. Die Besonderheiten des Schicksals dieses Stammes müssen auch besondere Spuren in dem Wesen seiner Angehörigen zurückgelassen haben; so etwa das hohe Alter der Kultur, die vorderasiatische Heimat, die erste Entfaltung des Monotheismus, die politischen Schicksale iu der Antike, die Vertreibungen und Zor- ') Dabei ist von den Naturvölkern abgesehen.