Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (10.4.1917)
- Article
- Nationale Autonomie für die Ostjuden
- Date
- 1917-04-10
- Page
- Seite 367 (sequence 5)
- Language
- German
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367 dos Königreichs Polen — es hat einen zweiten, s prach 1 i c Ii-kulturellen Sinn und heißt dann': Angehöriger der polnischen Sprach- und Kultm-geineinsehaft. Der Pole im zweiten Sinne kann z. 15. in der deutsehen Provinz Posen Bitzen und es ablehnen, Pole im ersten Sinne zu sein. Der Pole im ersten Sinne kann nur im Königreich Polen sitzen, aber deutseh oder mtheniseh, oder russisch oder jüdisch als seine. Sprache bezeichnen und es mit Entschiedenheit ablehnen, Pole im -/weiten Sinne zu sein. Aus diesen Verwechselungen müssen wir uns endlich befreien. Denn sie dienen nur dazu, immer wieder die Zwangs- Politik zu rechtfertigen, die praktisch Hingst als verfehlt nachgewiesen ist. Ks unterliegt gar keinem Zweikd mehr, daß Sprachminderheiten, die der Staat ungeschoren läßt, in aller Regel politisch durchaus zuverlässig selbst in dem Falle sind, wo ein starker und aggressiver Herd, ihres eigenen Sprachtums in ihrer nächsten Nähe ist: die W.enden des märkischen und sächsischen Spreewaldes, die evangelischen, Polnisch sprechenden Masuren Ostpreußens sind durch ihre Treue zum Deutschen Reiche geradezu vorbildlich; und das rein italienische Malta hat trotz der Nähe Italiens und der Entfernung Englands niemals die leiseste Spur einer irredentistischen Aufregung erkennen lassen, abgesehen kennzeichnenderweise von einer ganz kurzen Periode, in der ein Gouverneur versuchte, eine leise Anglisierungspolitik zu treiben. Wenden wir diese allgemeinen Sätze und Erfahrungen nunmehr auf das Problem der 0 s t j u d e n , namentlich ' Polens, an. Hann ist völlig klar, daß sie in ihren Ansprüchen an sprachlichkulturelle Autonomie noch wesentlich bescheidener zu sein haben, als alle Volksstämme von normalem Aufbau und normaler Siedelüng. Die Juden sitzen" wohl in einzelnen Städten in ungeheurer Mehrheit und in sämtlichen Städten Polens mindestens in starker Minderheit: aber sie haben doch nirgends ein normales Kerngebiet, weil sie auf dem Hachen Laude so gut wie gar nicht vertreten und in der Landwirtschaft so gut wie gar nicht beschäftigt sind. Infolgedessen ist bei ihnen jenes vom Staate und seinem Recht und seiner Verwaltung unabhängige Ketätigungsgebiet des nachbarliehen Verkehrs in Geselligkeit und Wirtschaft viel weniger entwickelt, ja sogar verkrüppelt. Während, z. B. eine ruthenisclm" Bäuerin, die ja nicht ins Heer einzutreten braucht, ihr ganzes Leben hindurch nicht ein einziges Mal Anlaß zu haben braucht, zu bedauern, daß sie nur ihre Muttersprache spricht, uinl selbst in einer rein jüdischen Kreisstadt Polens die Jüdin auch im normalen Leben des Alltags sehr häutig, fast täglich gezwungen sein, die Sprache ihrer ländlichen Umgebung zu gebrauchen, um von dem auf den Markt kommenden Landvolk einzukaufen, um mit Gesinde und Dienstboten umzugehen, um als Gehilfin des Mannes m verkaufen usw. Diese Verschiedenheit mag man in ihren tiefsten Ursachen beklagen. Es ist in der Tat das schwere Schicksal des jüdischen Volkes, daß es nn fast reines Städtervolk ohne Wurzel in dem Lande seiner Gehurt ist. Aber das Bedauern darf nicht zur Sentimentalität werden. Die Hinge, die hier zu ordnen sind, sind lediglich praktische und müssen