Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 12 (25.3.1917)
- Article
- Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in West- und Osteuropa
- Date
- 1917-03-25
- Page
- Seite 346 (sequence 5)
- Language
- German
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346 zahlt haben. Sicherlich sind die Juden nicht überwiegend beteiligt an den großen Gewinnen, die in der Munitionsindustrie Riesenycrmögen haben entstehen lassen, und von den starken Preissteigerungen in der Landwirtschaft haben sie allermeist nur die Lasten als Konsumenten getragen. Auch die schweren Verluste am Effektenmärkte bei der Mobilmachung sind stark mit auf ihre Schultern gefallen. Aber diese Verluste trafen doch nur einen kleinen Teil der deutschen Juden. Die große Mehrzahl stand in solchen Handels- und Gewerbezweigen, die dringlich begehrte Waren herstellten oder vertrieben. Dringlich begehrt waren in der ersten Kriegszeit alle Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenstände, mit Hochdruck mußte zunächst die Textilindustrie arbeiten, neue Wege mußte die Verlagsindustrie finden, alle Kräfte waren in der Lederindustrie, in der Tabakindustrie, der Mühlenindustrie angespannt. Der Handel mit Genußmitteln nahm neue Formen an; für die fehlenden Waren mußte Ersatz gesucht werden. All das waren dringende Aufgaben für den Kaufmann alten Stils. Größere noch stellte der Krieg an eleu Kaufmann neuesten Stils, an den Organisator5). Noch verbietet es die Zeit, über den Anteil der Westjuden an der Organisation der Kriegswirtschaft zu sprechen. Auch felüt es noch am sicheren Überblick über die Bedeutung der einzelnen innerhalb der Organisation und über die Tragweite dieser Organisation selber. Es soll hier nicht ruhmredig über volkswirtschaftliche Leistungen gesprochen werden, deren Wert als solche erst eine ferne glücklichere Zukunft abzuschätzen und zu beurteilen vermögen wird. Immerhin wird man schon heute die Verdienste von Rießer für die finanzielle Mobilmachung, die Arbeit von Rathenau für die Mobilmachung der Rohstoffe und die Arbeiten von Ballin nennen dürfen, ohne daß man den ernsten Widerspruch auch grundsätzlich feindlicher Elemente zu erwarten braucht. Daß dies nicht Einzelerscheinungen sind, wird zu einer anderen Zeit wohl noch gezeigt werden. Was die Juden etwa hier leisten konnten, das soll ihnen nicht zu irgendwelchem besonderem Verdienste gerechnet werden. Sie taten das, wie es in so schwerer Zeit ihre Pflicht war. Sie konnten es, weil sie schon im Frieden an vielen der jetzt plötzlich ungemein wichtig gewordenen Geschäftszweige großen Anteil besaßen. Gewiß ist mit der langen Dauer des Krieges die Lage in Handel und Gewerbe allgemein ungünstiger geworden, und darunter leiden die Juden wie alle andern. Aber ich glaube doch die Behauptung wagen zu dürfen: Der Krieg hat bisher die allgemeine Wirtschaftslage der Westjuden nicht verschlechtert, nicht in Zentraleuropa und erst recht nicht im Westen. Und meine Meinung geht dahin, daß auch nach dem Kriege auf lange hinaus eine solche Verschlechterung nicht zu erwarten ist. Wold werden schwere Lasten unvermeidlich alle treffen. Wohl wird der Staatsbetrieb in vielen Gebieten ihr Fortkommen erschweren, und der Antisemitismus, dessen Wiederaufleben wir mitten im Kriege bitter empfinden mußten, wird das seinige dazu tun, um dem Juden diese B) Vgl. Rat hon au, „Deutschlands Rohstoffversorgung". Berlin 1010.