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Neue jüdische Monatshefte · 1917-03-25 · Heft 12 (25.3.1917) · p. Seite 344

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 12 (25.3.1917)
Article
Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in West- und Osteuropa
Date
1917-03-25
Page
Seite 344 (sequence 3)
Language
German
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344 nicht zutrifft. Das Warenhaus hat ein viel zu kleines Arbeitsgebiet, und in dieses Arbeitsgebiet sind in führenden Stellungen wohl mehr Juden eingeströmt als etwa kleine selbständige Geschäfte verdrängt worden sind. Bei manchen Industrien verdrängt freilich der Großbetrieb den Handel, der früher für ihn vermittelnd tätig war. Aber in weiten Gebieten sind doch auch die Juden selber Organisatoren des Groß« betriebs. Das gilt in der ganzen Bekleidungsindustrie, in der Tabakverarbeitung, in der Schuhwarenindustrie und der Tapetenindustrie, in der Mühlen-, der Elektrizitäts- und der Papierindustrie, das gilt in zahllosen anderen, und vor allem gilt es für den Detailhandel. Über die Konsumvereine hinweg wachsen und erstarken die Massenfilialunternehmungen, und mit ihnen dringen die Juden in Handels¬ und Industriezweige ein, die ihnen bis dahin fremd geblieben waren. In kleinen Kolonialwarengeschäften, in Tabakgeschäften, als Grünkramverkäufer war der Westjudo eine seltene Erscheinung. Da war das Geschäft zu klein, zu begrenzt, zu mittelständlerisch, da fand sein Drang nach Emporkommen keinen Halt. Als man aber viele solcher Geschäfte in einer Hand zusammenfassen konnte, da kam auch der Jude hinein. Vom Großhandel her organisierte er die Kolonialwaren- Aktiengesellschaften in Frankreich, die meisten der Massenfilialsysteme für Tabakwaren und Schuhwaren und Uhrerivertrieb, in England für Fleischwaren und für den Juwelenhandel. Und selbst den Staats- und Gemeindesozialismus überwand hin und wieder der technische Fortschritt. Das städtische Elektrizitätswerk sah eine W'eile aus wie der Abschluß der Entwicklung. Über die Grenze der einzelnen Gemeinden und selbst der Staaten hinweg hat der Trust von Rathenau mit seinen Absatzgesellschaften, Tochtergesellschaften, Finanzierungsinstituten diese Erscheinung besiegt, und ein Ballin siegte über die Eingrenzung der Schifffahrt in geschlossenen Staatsverbänden. Gewiß waren Zeichen des Niederganges da. Das starke Hindrängen in die akademischen Berufe, ein Nachhall jenes uralt-jüdischen Dranges zum Studium und zur Lehre, begann die Wirtschaftskraft der Juden zu schwächen. Mit Recht hat man betont, daß der Antisemitismus in staatlichen Verwaltungen im Grunde das Böse wolle, nämlich die Zurückdrängung der Juden, aber das Gute schaffe, nämlich die Hindrütigung aufs freie Erwerbsgebiet, wo der Jude immer von neuen die Quellen seiner wirtschaftlichen Kraft erschließe. Gewiß war auch mancher Geschäftszweig für den Juden ungünstig geworden. Auch darf nicht verschwiegen werden, daß den Juden im größten Betriebe eine seelische Eigentümlichkeit hemmt, die ihm schon jetzt beim Staats- und Gemeindehetriebö auch da Schwierigkeiten macht, wo Duldsamkeit ihn sonst wohl erhalten würde; daß er sich nämlich nicht nur sehr schwer unterordnen, sondern sich auch oft nicht nebenordnen kann. Der Jude ist meist ein vortrefflicher Chef, aber nicht selten ein schlechter Kompagnon im Geschäft. Gerade diese Eigenschaft erschwert ihm besonders häufig das Zusammenarbeiten in kollegialen Körperschaften —- und unsere größten Gesellschaftsbetriebe werden ihrer Nat'ir nach mehr und mehr kollegiale

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