Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 12 (25.3.1917)
- Article
- Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in West- und Osteuropa
- Date
- 1917-03-25
- Page
- Seite 343 (sequence 2)
- Language
- German
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343 kunftsaussichton Wahrheiten liegen, aber wiederum, daß es nicht die ganze Wahrheit ist. Denn während all diese Bewegungen schon im Gange waren; als schon im Frieden die Wahrheit des Wortes galt, daß das ganze Warenlexikon karteliiert sei, ist die jiddische Wirtschaftslage im ganzen nicht schlechter geworden, stieg der Wohlstand von Jahr zu Jahr. Zweifellos ist eine der drei Entwicklungsreihen dem Vorwärtskommen des Juden unbedingt schädlich. Wo der Staatsbetrieb, überhaupt der öffentliche Betrieb auftritt, da ist seine Rolle bald ausgespielt. Möglich, daß auch innerhalb der öffentlichen Betriebe einmal die Tüchtigkeit allein den Ausschlag gibt, zumal da, wo zahlenmäßig der Erfolg und Mißerfolg festgesetellt werden kann. In aller Regel aber herrscht im Staatsbetrieb die Clique, im Stadtbetrieb der Klüngel. Er führt zur Bureaul^ratisierung und unterbindet damit den freien Aufstieg. Anders schon beim Kartell. Über die Erstark ring dos Wirtschaftslebens im Kartell siegt immer wieder die fortschrittliche Organisation und die fortschreitende Technik. Das Kartell kann sich vielleicht den Handel unterwerfen, aber damit ist es noch nicht der Herr des Verbrauchs. Noch schwankt der Verbrauch; noch ändert er sich von Tag zu Tag; noch bedarf es auch innerhalb der Großbetriebe solcher Persönlichkeiten, die das Gefühl für die Notwendigkeiten innerhalb des Kartells haben, solcher Arbeitskräfte, die an den Verbrauch heranzugehen, ihn zu locken, zu erobern, zu vergrößern wissen. Denn nur damit wächst auch im Kartell der Absatz und der Gewinn. Und dazu ein zweites: das Kartell ist nichts Ewiges, der Kartellvertrag ist zeitlich begrenzt. Kaum ist er geschlossen, so beginnt der Kampf innerhalb des Kartells um seine Auslegung, seinen Fortbestand, seine Erneuerung. Ein sehr kluger, leider getaufter Jude, der inzwischen gefallene Regierungsrat Kestner, sagte einmal: „Neben der Ausgestaltung der Produktionstechnik und der Absatzorganisation, sehen wir im Kartell ein Vordringen der juristisch-spekulativen Tätigkeit. An die Stelle und neben die eigentliche kaufmännische Beschäftigung tritt nun auch die juristische Findigkeit3). Und aus eigener Beobachtung möchte ich hinzufügen: Es tritt dazu die Notwendigkeit des Verhandeins, der Interessen Wahrnehmung im Kartell, der geschickten Menschenbehandlung. In dieser Kunst ist aber von jeher der Jude Meister; ich muß sagen: schon vor dem Kriege glaubte ich das Karteilwesen ziemlich genau beobachtet zu haben; aber als dann der Krieg die ganze Größe des Verbandswesens zeigte, als nun in der öffentlichkeit die führenden Pcsönlichkeiten hervortraten, da war es immer wieder eine Überraschung, daß in stets neuen Zweigen der Jude auch hier das Kartell geformt und geleitet, daß er es gegenüber der Regierung vertreten hat. Nicht einheitlich steht auch die Frage mit dem Großbetriebe. Segall hat versucht, das Entstehen der Detailhandels-Großbetriebe, vor allem der Warenhäuser, für eine Verdrängung der Juden aus dem . Detailhandel verantwortlich zu machen. Ich glaube, daß das im ganzen a) Kestner, „Der Organisationszwang", Berlin 1912, S. 240.