Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 12 (25.3.1917)
- Article
- Die innere Lage des polnischen Judentums
- Date
- 1917-03-25
- Page
- Seite 338 (sequence 4)
- Language
- German
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338 tätigt, mit maßloser Verachtung gegenüber. Sein Verhältnis zum Polen wird durch eine Ergebenheit charakterisiert, die keine Grenzen kennt und Beleidigung, Verachtung, Entwürdigung ruhig und demütig hinnimmt. Für jedwede positive jüdische Politik scheiden die Assimilanten von vornherein aus, und in der Betrachtung der polnisch-jüdischen Frage, in ihrem innerjüdischen Aspekt gesehen, ist ihre, gewiß große, Bedeutung rein negativer Art — als Widerstand und Hemmnis einer aktiven jüdischen Politik. Den Assimilanten im gewissen Sinne verwandt und vom Gesichtspunkte positiver jüdischer Betätigung ihnen beinahe gleichzustellen sind die extrem sozialistischen jüdischen Arbeitorkreise, die im „Bund" und in den P. P. S.*) ihre Vertretung finden. Wie die Assimilanten in allem nur von der Sorge geleitet werden, was die polnische Bourgeoisie zu ihrem Tun sagen könnte, so wird die Haltung dieser jüdischen Sozialisten nur durch den Wunsch bestimmt, von ihren polnischen Gesinnungsgenossen als sozialistisch vollwertig genommen zu werden. Daß diese polnischen Sozialisten in ihrem Verhalten zu den jüdischen Arbeitern oft nicht viel weniger antisemitisch sind als die polnische Bourgeosie in ihren Beziehungen zu den Assimilanten, verstärkt nur die Analogie, die diese beiden Pole in der Reihe der verschiedenen jüdischen Gruppen miteinander in Berührung bringt. Die politische Bedeutung und der Einfluß dieser jüdisch-sozialistischen Parteien auf die Massen ist im übrigen nur gering. Zwischen diesen beiden polaren Gruppen, die sich eigentlich außerhalb alles positiv Jüdischen befinden, steht nun die große Majorität der positiv jüdisch gesinnten Juden, die mit zäher Entschlossenheit ihre jüdische Eigenart und ihre jüdischen Werte bewahren und pflegen wollen. Innerhalb dieser Schicht, die die überwältigende Mehrheit der polnischen Judenheit umfaßt, gilt es, vom polnischen Standpunkt gesehen, nur eine einzige Trennung vorzunehmen: so sehr ist sie noch amorph und ungegliedert. Diese Trennung scheidet die in politischer Hinsicht bewußten Elemente von den politisch noch durchaus unbewußten und dumpfen Massen. Die politischbewußte Gruppe umfaßt all jene Kreise, die die Träger und Wortführer alles dessen sind, was bisher an aktiver nationaler Politik der polnischen Judenheit zu verzeichnen ist; in den letzten Jahren vor dem Kriege also vor allem die Behauptung der jüdischen Rechte gegen die Polen, die in den bekannten Vorgängen anläßlich der letzten Dumawalü in Warschau und den daran sich anschließenden Boykotts ihren Höhepunkt fand; und seit der Okkupation vor allem die Durchführung der Stadtratswahlen. Bis vor kurzem waren all diese politisch aktiven und bewußten Elemente in einer Organisation zusammengefaßt: in der zionistischen; und erst seit kurzer Zeit beginnt sich auch hier eine gewisse Scheidung zu vollziehen, indem der Versuch gemacht wird, eine selbständige national jüdische Partei zu organisieren. l) „Partya Polskych Sozyalistow''.