Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 12 (25.3.1917)
- Article
- Die innere Lage des polnischen Judentums
- Date
- 1917-03-25
- Page
- Seite 339 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908703-2909560--0586-2909587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
339 Gebildet wird diese politisch bewußte Schicht dor positiv jüdisch orientierten Majorität von dem relativ geringen nationaljüdisch gesinnten Prozentsatz der akademischen Intelligenz, den Schriftsteller- und Lehrerkreisen und einem Teil der modern gesinnten bürgerlichen Jugend. Neben einem hohen Idealismus der Gesinnung besitzt sie noch die typischen Mängel einer politisch im Anfangsstadium der Entwicklung befindlichen Gruppe: also überstarko Neigung zu theoretisierender Ideologie, mehr Sinn für die laute politische Demonstration als für die stille und fruchtbare praktische Arbeit, nicht genügend Zucht und Disziplin und geringe Organisationsfähigkeit, alles Mängel, die, wie gesagt, typisch sind für eine beginnonnde politische Reife, die aber bei der außerordentlichen Bildungsfähigkeit des Ostjudentums mit dem Fortschritt des politischen Lebens schnell verschwinden werden. Dio Schule praktisch-politischer Arbeit wird hier sehr bald ihre Wirkungen zeigen. Neben dieser bereits politisierten und aktivierten Gruppe, die aber nur eine relativ dünne Oberschicht bildet, steht nun die große, breite Masse des polnischen Judentums mit ihren sehr starken jüdischen Instinkten, mit ihrer unerhörten Vitalität, mit ihrer bewundernswerten Treue zum Judentum, aber ohne die Fähigkeit, all diese latenten Energien in aktive, willensbewußte, nationale Politik umzusetzen. Sie ist in dieser Hinsicht noch völlig unentwickelt, verfügt über keinerlei politische Selbstbewußthcit, geschweige denn über irgendwelches politisches Programm. Sie ist jüdisch in jedem Sinne dieses Wortes, lehnt alles Unjüdische, ihr Fremde ab und und lebt mit jedem Atemzug und jeder Geste nur im Jüdischen. Aber sie ist es instinktiv, elementar, naturhaft, unbewußt; und versteht man unter nationalem Judentum nur die bewußte Anerkennung des national-jüdischen Gedankens und all seiner Konsequenzen, so kann man — wie es manche tun — sogar bestreiten, daß sie jüdisch-national sei, was aber natürlich im Grunde durchaus falsch ist. Diese breite, noch vor aller politischen Entwicklung stehende jüdische Masse ist das eigentliche Objekt aller wahrhaft ernsten jüdischen Politik in Polen; ihre Politisierung und — gleichbedeutend damit — ihre Aktivierung ist das innere zentrale Problem der polnisch-jüdischen Frage. Denn nur die politisierte jüdische Masse kann eine dauernde, sichere Basis bilden, auf der man jüdische Politik in Polen treiben kann; alle politischen Forderungen und Erklärungen der politischen Wortführer, die nicht über den Resonanzboden der breiten jüdischen Masse verfügen, müssen dünn und hohl klingen und — für die Dauer — wirkungslos verklingen. Es handelt sich hier um dasselbe Problem wie überall, wo es so etwas wie jüdische Politik gibt: die latente, passive Kraft des jüdischen Volkes in aktive Energie umzuleiten, die potentielle Energie in virtuelle, zu verwandeln, das jüdische Volk zu aktivieren, d. h. es zu einem Volke — im politischen Sinne dieses Wortes — zu machen. Man muß mit Bedauern konstatieren, daß bis heute dies zentrale Problem der polnisch-jüdischen Frage von den wenigsten nur erkannt, geschweige denn in Angriff genommen worden ist. Man stellte Pro.