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Neue jüdische Monatshefte · 1917-03-25 · Heft 12 (25.3.1917) · p. Seite 337

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 12 (25.3.1917)
Article
Die innere Lage des polnischen Judentums
Date
1917-03-25
Page
Seite 337 (sequence 3)
Language
German
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337 Dies äußert sich in erster Reihe in dem Mangelanpolitischer Zucht. Man wird immer mehr erkennen müssen, daß politische Reife vor allem innere politische Zucht bedeutet, das Verständnis und die Fähigkeit, die Interessen des einzelnen oder der Partei zurücktreten zu lassen hinter die großen Forderungen der Allgemeinheit und durch willige Unterordnung die Einheit und damit die Wirkungskraft der Gesamtheit zu steigern und zu sichern. Die äußere Fähigkeit zur Organisation ist dann nur die Folge und der Niederschlag dieser inneren Disposition, die das Ergebnis einer langen und meist leidensreichen Entwicklung zu sein pflegt. Die polnische Judenheit besitzt diese Fähigkeit noch nicht, so daß sie selbst jetzt, in dieser für sie so kritischen und bedeutungsvollen Zeit, die vielleicht über lauge Jahre ihrer Zukunft entscheiden wird, nicht zu einem einheitlichen und geschlossenen Auftreten imstande, ja vielleicht heute noch zersplitterter ist, als sie es vor dem Krieg gewesen. Sucht man nun einen Überblick über die verschiedenen Parteien und politischen Faktoren innerhalb des polnischen Judentums zu gewinnen, so wird man eigentlich nur von Richtungen und Tendenzen sprechen dürfen; Gebilde, die dem entsprechen, was wir Partei nennen, gibt es kaum — mit Ausnahme vielleicht des Zionismus —, schon aus dem äußeren Grunde nicht, weil unter der russischen Herrschaft die Organisierung von Parteien kaum möglich war. Es handelt sich also im wesentlichen um Gruppen, die durch soziales Milieu, durch Lebensanschauung, religiöse Überzeugung und ähnliche, eigentlich apolitische Momente zusammengehalten werden, oder um Richtungen, die durch ihre Bestrebungen im Einzelfall sehr viele Anhänger vereinigen, ohne sie aber dauernd organisiert zu haben. An erster Stelle sind die A s s i m i 1 a n t e n zu nennen; sie bilden keinerlei Partei; ja es gibt auch keino Organisation kultureller oder sozialer Art, in der sie irgendwie vereinigt wären. Dennoch bilden sie die geschlossenste Gruppe innerhalb des polnischen Judentums, weil ihr Zusammenhalt durch das gemeinsame Milieu, die gleichen Überzeugungen, dieselben Lebensformen und starke verwandtschaftliche Bande bedingt ist. Ihre innere Geschlossenheit zusammen mit dem Umstand, daß sie den größeren Teil der akademischen Intelligenz und der reichen Kreise umfassen, macht sie zur weitaus einflußreichsten und stärksten Gruppe innerhalb des polnischen Judentums; trotzdem sio von der überwältigenden Majorität der polnischen Juden bekämpft, ja gehaßt werden, beherrschten sie doch bis heute alle jüdischen Großgemeinden des Landes und durften nach außen stets als dio Wortführer und Vertreter der polnischen Judenheit auftreten. Ihr Programm ist dio bedingungslose Assimilation an dio Polen, die früher oder später notwendigerweise mit der Taufe endet. Ilire Assimilationstendenz und die Entfremdung vom Judentum ist sehr viel stärker als die ihrer Gesinnungsgenossen innerhalb der deutschen Judenheit. Der jüdische Assimilant in Polen fühlt sich als von der jüdischen Masse durch Welten geschieden und steht ihr, auch wenn er sich jüdisch-philanthropisch be-

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