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Neue jüdische Monatshefte · 1917-03-25 · Heft 12 (25.3.1917) · p. Seite 336

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 12 (25.3.1917)
Article
Die innere Lage des polnischen Judentums
Date
1917-03-25
Page
Seite 336 (sequence 2)
Language
German
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336 Sichtspunkt seiner politischen Bedeutung und Wirkungsmöglichkeit seien hier gemacht. Eine Erkenntnis ist da vor allem entscheidend: die Einsicht von der politischen Unentwickeltheit des polnischen Judentums. Es stellt einen, in seiner großen Masse eigentlich noch vor jeder Politisierung stehenden Organismus dar. Dies wird nicht Wunder nehmen dürfen, wenn man weiß, wie verhältnismäßig spät bei jedem Volke der Prozeß der Politisierung eintritt und welch außerordentlich starken inneren Hemmungen und Widerständen er begegnet; wenn man beispielsweise bedenkt, wie wenig fortgeschritten dieser Prozeß selbst innerhalb eines Volkes von so starkem politischen Leben wie das deutsche ist. Für das polnische Judentum kommen vor allem zwei Ursachen in Betracht, die seine politische Ausreifung bis heute gehemmt haben: die geringe politische Entwicklung des gesamten Polen und die Unmöglichkeit wahrhaft politischen Lebens und politischer Betätigung innerhalb der gesamten 2000 jährigen Diasporageschichte. Vor allem diese zweite Ursache ist von entscheidender Wirkung. So lange das Judentum innerhalb des Ghetto lebte — und das osteuropäische Judentum lebt in seiner großen Masse ja heute noch geistig und kulturell in der Lebensform des Ghetto —, war ihm jede Möglichkeit aktiver nationaler Politik genommen. Es konnte und mußte all seine Energie, all seine Vitalität und all seine Fähigkeiten dazu anspannen, um jenen übermenschlichen Heroismus, jene unerhörte Dulderkraft aufzubringen, die es allein befähigt haben, sein 2000 jähriges Diasporaschicksal zu ertragen. Zur Ausbildung politischen Sinnes war da natürlich keine Gelegenheit gegeben, denn Politik bedeutet Aktivität, Tat, Gestaltung, und ein Volk, dessen höchste Kraft in der Passivität und dessen erhabenster Heroismus im Dulden sich" äußern muß, muß notwendigerweise in politischer Hinsicht unentwickelt bleiben. Zu diesem allgemeinen Mangel politischer Reife, den die polnische Judenheit prinzipiell mit dem gesamten Ostjudentum teilt, tritt für sie noch ein anderes hinzu, das ihre innere Lage, gesehen unter dem Gesichtspunkt ihrer politischen Wirkungsmögliehkeit, erheblich verschlechtert: das Fehlen der zur Führerschaft berufenen Schichten infolge ihrer A s s i m i 1 i e r un g an die Polen. Vom Umfang und der Stärke der polnisch-jüdischen Assimilation macht man sich in Deutschland, wo man das polnische Judentum als eine geschlossene, noch ganz im Ghetto lebende Masse anzusehen gewohnt ist, keine rechte Vorstellung. Sie umfaßt den weitaus größten Teil der Intelligenz und der wohlhabenden Kreise und ist an Intensität sehr viel stärker als die Assimilation innerhalb des deutschen Judentums. Die Folge ist für die große Masse der nicht assimilierten Juden der weitgehende Mangel an führenden Kreisen und führenden Männern, ein Mangel, der sich gerade in kritischen Zeiten wie der gegenwärtigen sehr stark bemerkbar macht und den geringen Grad politischer Entwicklung sehr verstärkt.

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