Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 12 (25.3.1917)
- Article
- Die innere Lage des polnischen Judentums
- Date
- 1917-03-25
- Page
- Seite 335 (sequence 1)
- Language
- German
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335 Die innere Lage des polnischen Judentums Von Nachum Goldmann, Berlin Alle Betrachtungen und Erörterungen der polnisch-jüdischen Frage innerhalb der deutschen Judenheit bewegen sich bis heute fast ausschließlich in einer Eichtung: in der rein politischen. Wie die Frage überhaupt nur durch ein äußeres Ereignis, die Eroberung Polens durch die Heere der Zentralmächte, hervorgerufen wurde, so war auch die Auffassung derselben bis heute eine rein äußere gewesen; gefragt wurde in erster Reihe nach den äußeren Faktoren, die die Lage bestimmen, nach dein Verhältnis der Deutschen und der Polen zu den Juden, und als die entscheidenden Tatsachen, die es zur Beurteilung des Problems zu wissen not tue, wurden allein die politischen Vorkommnisse angesehen, die das Verhalten dieser beiden Faktoren kennzeichnen, also vorwiegend die Kundgebungen des polnischen Antisemitismus und die auf die Judenfrage bezüglichen gesetzlichen Maßnahmen der deutschen Behörden. Über all diesen — gewiß wichtigen — rein politischen Betrachtungen vergaß man aber die wichtigere, weil primäre und grundlegende Seite der Frage: ihren i n n e r j ü d i s c h e n Aspekt, vergaß man, daß von allen Faktoren, die zu beachten sind, doch auch schließlich die polnische Judenheit selbst nicht vergessen und sie daher nicht lediglich — wie es bis heute vorwiegend geschah — als Objekt angesehen werden darf. Mir scheint, all die vielen Fehler und Trugschlüsse, zu denen die theoretische Erörterung der Frage geführt hat, sowie die mannigfachen Enttäuschungen und Mißverständnisse, die die praktische politische Arbeit in der Frage leider zu verzeichnen hat, haben hier ihren Grund: daß man vergessen hat, die polnische Judenheit als Subjekt zu nehmen und zu werten, und die Voraussetzung aller wahrhaft politischen Erkenntnis und Betätigung außer acht gelassen hat, wonach die Politik nur der äußere Ausdruck des inneren geistig-moralischen Lebens eines Volkes ist und das Maß der politischen Macht letzten Endes auch müden Niederschlag seiner inneren moralischen Kraft darstellt.- Hier muß eino prinzipielle Änderung der Auffassungsweise in der polnisch-jüdischen Frage einsetzen. Sie muß künftig in erster Reihe von einem innerjüdischen Gesichtspunkte betrachtet werden. Wichtiger als alle einzelnen Äußerungen des polnischen Antisemitismus muß es in Zukunft sein, die verschiedenen Strömungen und Potenzen innerhalb der polnischen Judenheit zu erfassen, und die Kenntnis der inneren Lage des polnischen Judentums muß die Voraussetzung aller wahrhaft ernsten und soliden Betrachtung und praktisch-politischen Behandlung der polnischen Judenflage werden. Ich beabsichtige nicht, hier die innere Lage irgendwie umfassend oder gar erschöpfend darzustellen; dies ist eine Aufgabe, die sich nicht in wenigen Seiten erfüllen läßt. Lediglich einige Bemerkungen zur Charakteristik der inneren Verhältnisse des polnischen Judentums auf Grund meiner Beobachtungen in Warschau und zwar unter dem Ge-