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Neue jüdische Monatshefte · 1917-03-10 · Heft 11 (10.3.1917) · p. Seite 324

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 11 (10.3.1917)
Article
Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
Date
1917-03-10
Page
Seite 324 (sequence 3)
Language
German
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324 er von diesem tiefsten Mysterium des Menschenschicksals sich abwenden, wie es in dieser Tragödie Christi dargestellt wird, weil sie eben das Gerüst, den Untergrund für allen ethischen Inhalt der christlichen Glaubenslehre bildet! Vorab muß nun aber erst genau unterschieden werden/ was vom jüdischen Bewußtsein aufgenommen, was dagegen schlechterdings abgestoßen werden, muß. Nur Symbolik darf im günstigsten Falle zugelassen werden. Die Lebensbeschreibung selbst und an sich darf niemals den Inhalt einer Religionslehre im jüdischen Geiste bilden. Mose ist für den Juden nur der „Knecht Gottes44, der die Lehre Gottes überliefert. Und nur diese überlieferte Lehre wird Inhalt der Religion. Moses Leben dagegen gehört der Geschichte und der Sage an, wie das aller Richter, aller Könige und aller Propheten. Er stirbt, wie jeder sündige Mensch; nur daß sein Grab für jedermann und für allezeit verborgen bleibt. Für den Juden besteht eine scharfe Trennung zwischen jedem Menschenleben, auch dem mächtigsten und dem wohltätigsten, und der Lehre seines Gottes. Aber die Symbolik ist Poesie, und als Poesie, als Propheten- oder Psalmendichtung hat sie natürlichen Zugang zur Religionslehre. Die Reden der Propheten und die Gedichte der Psalmen, wie andere Gedichte, sind zu den Büchern Mose hinzugetreten und haben sich mit ihnen im Kanon der Keiligen Schrift vereinigt. So braucht uns auch nicht die tiefsinnige Dichtung vom Leiden, als dem höchsten Werte des menschlichen Daseins, fremd zu bleiben, so wenig als uns Hiob fremd bleibt — wenn nur die Symbolik über das Leiden des Menschen nicht tunausgreift, um einzudringen in das Wesen de$ Einzigen Gottes. Indessen entspricht es nicht dem literarischen Tatbestande, daß wir die Symbolik des Leidens uns schlechterdings nur von der fremden Religion anzueignen hätten: vielmehr haben wir sie als unser eigenstes prophetisches Erbgut zu erkennen. Wer das 53. Kapitel des Deuterojesaja mit der Unbefangenheit liest, wie der moderne Literaturgeist sie sich zu besitzen einbildet, in Wahrheit jedoch sie nicht besitzt — der wird die verkehrte Welt gar nicht begreifen können, welche die Passion Christi nicht in diesem literarischen Urbilde schlicht und klar wiedererkennt. Die Bibelkritik sagt zwar nicht mehr, daß die Weissagung Jesajas die Erscheinung und das Leiden Christi prophezeit habe. Sie erkennt jetzt einmütig in dem Liede vom „Knechte Jahves4* den Rest Israels als diesen Knecht, als den Messias in dieser höchsten Gestalt an. Aber nirgend findet man die Anmerkung, welche Philologie und Geschichtsforschung unerbittlich fordern: und dieser Knecht Jahves nebst der Geschichte seines Lebens und seines Leidens ist das Urbild der Passionsgeschichte Christi. Wir Juden harren auf den Messias auch für die freie Wissenschaft. Und in dieser geschichtlichen Zuversicht auf die Freiheit der Forschung bleiben wir unbeirrt und unentwegt auf dem eigenen Urboden unseres Gottesglaubens. Aber soweit wir auf anderem Boden Früchte gewahren, die der Mutterboden hervorgebracht hat, da hat uns der Weltsinn der

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