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Neue jüdische Monatshefte · 1917-03-10 · Heft 11 (10.3.1917) · p. Seite 323

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 11 (10.3.1917)
Article
Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
Date
1917-03-10
Page
Seite 323 (sequence 2)
Language
German
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323 des Eudämonismus, oder aber von dem des reinen Moralismus und der absoluten sittlichen Würde des Menschen. Es ist nicht zufällig1, daß der Eintritt des sozialistischen Zeitalters begleitet wurde von biblischen Studien über die Sozialgesetzgebung im alten Testament. Und es waren meistens Männer der kirchlichen Reaktion im evangelischen Lager, welche diese Studien betrieben und auf Grund derselben den Schlachtruf für „praktisches Christentum" erhüben. Diese Männer bezogen das Unglück auf das soziale Elend, und dem Christentum wurde durch diese soziale Deutung die beste Idealisierung zuerkannt. Auch von philosophischer Seite wurde die Philosophie des Leidens nicht nur unter Anpreisung des Buddhismus, wie im Pessimismus Schopenhauers, als der eigentliche Sinn des Christentums gepriesen, nämlich von einem freien Geiste mit wahrhaftiger ethischer Begeisterung : von Friedrich Albert Lange im Schlußkapitel seiner „Geschichte des Materialismus". Er war der starren evangelischen Orthodoxie entstammt, nicht einem Pietismus. Und Philosoph, praktischer Weltmann und Politiker, wie er alles dieses zugleich war, wuchs er in der preußischen Konfliktszeit in die Sozialdemokratie hinein. .Das erste Gespräch, das ich mit diesem Manne führte, als ich unter ihm mich habilitieren wollte, betraf diesen Punkt. „In der Auffassung des Christentums besteht wohl eine Differenz zwischen uns." So suchte er in seiner Aufrichtigkeit bei dem ersten Besuch eine freimütige Verständigung herzustellen. Meine Antwort war: „Was Sie Christentum nennen, nenne ich Prophetismus." Und wie mit einem Schlage waren unsere Seelen verbunden. Unvergeßlich ist mir die Interjektion, mit der dieser freie, edle deutsche Mann meine Äußerung aufnahm. „Ja, ich will Ihnen die unterstrichenen Prophetenstellen in meiner Bibel zeigen." Das war seine freudige Antwort. Das Gefühl der Fremdheit zwischen uns war durch dieses eine Wort beseitigt. Es ist aber nicht allein das geschichtliche Vorurteil vom praktischen Christentum, welches die moderne Scheidewand zwischen der sittlichen Auffassung dieser beiden Religionen bildet, sondern mehr noch scheint der Ursprung und die geschichtliche Grundlage des Christentums, als der Religion des Leidens, eine tiefe Trennung vom Judentum zu bewirken. Das Leiden Christi hat dem modernen Christen nicht nur, auch nicht einmal vorzugsweise die dogmatische Bedeutung für die Erlösung der sündigen Menschheit, sondern seinem modernen Bewußtsein gilt hauptsächlich die symbolische Bedeutung, welche sie dem Leiden gibt, als Inbegriff, als Hauptwert des ganzen Menschenlebens. Gegen diese metaphysische Symbolik tritt daher selbst die Frage von der Geschichtlichkeit Jesu nebst der seiner Passion, als belanglos zurück — das Dogma und die Geschichte hinter die Symbolik. Und vor der Macht und dem Zauber dieser Symbolik alles menschlichen Daseins müßte nun der geschichtliche Lebensanteil des Juden zurückschrecken, dieweil er ja diesem Mysterium seine Anbetung versagen muß! Indessen nicht allein die Anbetung muß er hier versagen, sondern auch ohne tieferen Anteil des Geistes und des Herzens müßte

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