Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1917-03-10 · Heft 11 (10.3.1917) · p. Seite 320

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 11 (10.3.1917)
Article
Das ganze Jahr betrunken und am Purim nüchtern
Date
1917-03-10
Page
Seite 320 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908702-2909497--0552-2909540
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

32Q hahn ihm zulächelt. Er erschrickt ein wenig, hat aber doch ein gewisses Vergnügen daran, daß ein lebendiges Wesen ihm zulächle ... Und ebenso ist es auch beim Minchah- und Abendgebet. Während des Gebets der Achtzehn Segenssprüche kann er sich unmöglich beherrschen und schaut jeden Augenblick zum Truthahn hinüber. Und der Truthahn lächelt ihm immer zu. Plötzlich kommt es dem Porusch vor, als ob er dieses Lächeln schon seit langer Zeit kennte ... Als ob der Schöpfer der Welt, der ihm seine Frau genommen hatte, ihm ihr liebliches Lächeln geschickt hätte, damit es ihn in seiner Einsamkeit tröste. Und er gewinnt den Truthahn lieb und sagt sich, daß es doch gut wäre, wenn ihn zum Purim ein Reicher einladen würde und der Truthahn am Leben bleiben könnte . . . Wie wir später sehen werden, kam ihm dieser Wunsch in einem glücklichen Augenblick. Indessen brachte man ihm, wie jeden Tag, eine Schüssel Brei und ein Stück Brot hinauf. Er wusch sich die Hände und begann zu essen. Wie er aber das Stück Brot in die Hand nahm, kam der Truthahn aus dem Winkel heraus und fing zu picken an, womit er sagen wollte, daß auch er Hunger habe. Und er stellte sich vor den Tisch. Denkt sich der Porusch: „Soll er nur essen, ich werde daran nicht zugrunde gehen . . .a Er stellte die Schüssel Brei mit dem Stück Brot auf den Fußboden und der Truthahn begann zu fressen. Am nächsten Morgen geht der Porusch zum Rektor und sagt ihm, daß er nun einen Kostgänger habe; früher pflegte er immer ein wenig von seinem Brei übrigzulassen; heute sei es ihm aber so, als hätte er davon gar nicht gekostet. Der Rektor sieht sein hungriges Gesicht und sagt, daß er es dem Rabbi Chaim Vital melden werde, damit er zu Gott bete, daß er vom bösen Geist erlöst werde. Indessen werde er Befehl geben, daß man ihm täglich zwei Schüsseln Brei und zwei Stück Brot hinaufbringe, damit es für beide reiche. Als man Rabbi Chaim Vital im Namen des Rektors die Geschichte vom Kostgänger meldete, schüttelte er wieder den Kopf, seufzte und sagte: Jetzt fängt es erst an!" Nun bekommt der Porusch doppelte Portionen. Er wird satt, und auch der Truthahn wird satt. Der Truthahn wird sogar fett. Und nach ein paar Wochen gewöhnte sich der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.