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Neue jüdische Monatshefte · 1917-03-10 · Heft 11 (10.3.1917) · p. Seite 316

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 11 (10.3.1917)
Article
Das jüdische Familienleben im Osten
Date
1917-03-10
Page
Seite 316 (sequence 6)
Language
German
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316 fremdung zwischen der passiven, „auf ihren Hefen liegenden" Familie und der in die ferne Zukunft blickenden Jugend zu überwinden, es blieb jedoch beim alten. Ergreifend war allerdings, daß zahlreiche dem Judentum verloren geglaubte Intellektuelle, dem kraftvollen Rufe Herzls folgend, sich unter die Fahnen der jungen zionistischen Bewegung sammelten und zu ihren patriarchalischen Familien zurückkehrten, wo sie; nach den Jahren des Wanderns und des Suchens, wieder ein Heim zu erlangen glaubten (aus der Literatur jener Zeit sei nur die für diese Stimmung charakteristische Erzählung „Habaissoh" von A. S. Rabinowitseh erwähnt). Diese Erscheinung war jedoch nur eine imposante Episode, die keine ernste Wendung in der Entwicklung mit sich brachte. Der Zionist vermochte den Golusgeist, den die Familie verkörperte, ebensowenig zu überwinden, wie der Radikale diese zu verweltlichen vermochte. Die junge nationale Bewegung war also mit dem Volksleben nicht verwachsen, und die Rückkehr zur N a t i o n bedeutete nicht die zum Volke. Dadurch ist wolü zu erklären, warum der als reife Frucht der neueren Literatur so lange erwartete zionistische Roman ausblieb. Die allgemeine Evolution der Lebensverhältnisse in den letzten Jahrzehnten wirkte ebenfalls zerstörend auf die Gestaltung des Familienlebens. Die Proletarisierung der Massen und die damit zusammenhängende Notwendigkeit, die Kinder im jugendlichen Alter schon in die Werkstätte zu schicken und materiell „selbständig" zu machen, sind allgemein bekannte Erscheinungen. Als spezifisch dürfte wohl der Umstand gelten, daß auch die allgemeine Bildung der jüdischen Jugend diese der Familie entfremdet, was mit der Leidensgeschichte des ostjüdischen Bildungswesens im engsten Zusammenhange steht. Auf diese Weise ist die jüdische Familie „z e s e i t und z e s p r e i t'* (vgl. das so betitelte Theaterstück von Scholom-Aleichetn) geworden. Nicht der Kampf hat die Familienbande zerrissen — die Ent- - fremdung hat sie locker gemacht. In der Literatur spiegelte sich diese Stimmung deutlich ab. Es herrschte die Novelle, die Skizze, wo nur das Zufällige, Abgebröckelte, ohne Zusammenhang mit dem Milieu Stehende zum Vorschein gebracht wird. Die Skizze sagt nichts über die Vergangenheit des Helden, über die Quelle, aus der er Lebenskraft schöpft, über den Boden, der ihn nährt. Nur in Schilderungen aus der Vergangenheit traf man die jüdische Familie in ihrem alten Glanz, die Helden der Gegenwart waren die Einsamen, die Junggesellen. In den letzten Jahren hat sich das Bild bedeutend verändert. Trotz des scheinbaren Niederganges des sozialen Gedankens ist die Entwicklung nicht ins Stocken geraten. Die düsteren Jahre der Reaktion waren zugleich Jahre des Kräftesammelns und der vertieften Behandlung der jüdischen sozialen und Kulturprobleme. Die Erfahrungen, ja die Enttäuschungen der bewegten Zeiten lehrten, neue Methoden im Kampfe anzuwenden. Und 'jetzt gerade kamen die V o 1 k s m a s s e ix zum Vorschein. Viele Kleinarbeit, die aber den Vorzug hat, auf einem festen und sicheren Boden

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