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Neue jüdische Monatshefte · 1917-03-10 · Heft 11 (10.3.1917) · p. Seite 315

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 11 (10.3.1917)
Article
Das jüdische Familienleben im Osten
Date
1917-03-10
Page
Seite 315 (sequence 5)
Language
German
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315 Als der historische Entwicklungsprozeß einen grundstürzenden Wandel im jüdischen Leben einsetzen ließ, mußten natürlich auch die Anschauungen über die Formen des Familienlebens bedeutende Veränderungen erfahren. Die Konflikte zwischen „den Vätern und den Sühnen'4 häuften sich, die Gegensätze verschärften sich und wurden unüberbrückbar. Der Kampf um die Verweltlichung der jüdischen Kultur und des jüdischen Lebens wurde zwar nicht direkt gegen die Familie geführt, galt jedoch insofern auch ihr, als sie für die Verkörperung der alten Lebensart angesehen werden konnte. Mächtig stand, die jüdische Familie als Hüterin geheiligter Überlieferungen da und war unbarmherzig gegen ihre widerspenstigen Kinder. Die ganze Literatur der Haskolohzeit2) befaßte sich mit diesem Problem, zahlreiche Tendenzromane schilderten die. unhaltbar gewordenen Zustände. Unleugbar ibt es freilich, daß die freiheitliche Bewegung sich hauptsächlich in den höheren Volksschichten abspielte und trotz ihrer Intensität und ihres grundstürzenden Charakters, räumlich betrachtet, eine Art „Oberilächenspannung" darstellte. Allerdings waren gewisse Wirkungen auch im Volke nicht zu verkennen. Ich möchte nur auf das kleine Meisterwerk „Mussor" von J. L. Perez hinweisen, das zeigt, daß die Erbitterung gegen die Hegemonie des Geistes der Bethaus-„Aristokratie" selbst in die Kreise des konservativen Mittelstandes drang. Wichtig ist aber die Tatsache, daß die Bewegung an sich keine volkstümliche war, denn die Masse des Volkes ging ihren eigenen Weg, des Sturmes ungeachtet. Die Stürmer vermochten daher nur, sich von den Fesseln des Geistes zu befreien, nicht aber die Fundamente zu sprengen, die die Lebensweise des Volkes basierten, Sic haben sich vo n der Familie, nicht aber diese befreit. Als sich diese Entwicklung vollzogen hatte, hörte das Familienproblem auf, aktuell zu sein. Die sozialistische Bewegung stand schon eigentlich außerhalb der Familie. Wie die Gemeinde, wie alle Institutionen, die im Laufe der Zeiten einen religiösen Charakter annahmen, wurde auch die Familie von der radikalen Jugend ignoriert. Die „gegen Gott und seinen Messias" sich erhoben, haben den natürlichen Zusammenhang mit dem alten Heim vcrlorou. Sie hatten daher auch nicht die Kraft, es zu erneuern. Die sonst als „Vaterlandsloseu bezeichneten waren bei uns „Familienlose". Daher kommt es, daß die jüdische Familie wenig berührt wurde von dem Sturm und Drang und der radikale Geist an der Schwelle des Familienhauses Halt machen mußte. Die Tatsache, daß die sozialistischen Parteien zum weitaus größten Teil aus Unverheirateten bestanden, diente häufig zur Zielscheibe des Witzes, ist jedoch als durchaus ernste Erscheinung zu betrachten. Die Wirklichkeit rächte sich bitter an den Politikern, die den Radikalismus der Volksmasse zu hoch einschätzten. Selbst die nationale Bewegung, die doch an der Wende des letzten Jahrhunderts die Massen wie eine Elementarkraft mitriß, konnte nicht das Familicnhaus beherrschen, wie sie auch nicht die Gcmeindestube zu erobern vermochte. Zwar hoffte man damals, die Ent-, 2) Sog. Auiklürungs-, Bildungsperiode.

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