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Neue jüdische Monatshefte · 1917-03-10 · Heft 11 (10.3.1917) · p. Seite 314

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 11 (10.3.1917)
Article
Das jüdische Familienleben im Osten
Date
1917-03-10
Page
Seite 314 (sequence 4)
Language
German
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314 Der Familiensinn konnte sich bis in die Neuzeit im jüdischen Volke erhalten, die breiten Massen der Ostjudenschaft dürfen auch heute noch sich der traditionellen Sittenreinheit rühmen, doch hat sich das Bild der jüdischen Wirklichkeit im letzten Jahrhundert bedeutend verändert. Der alte Geist mußte sich neuen Lebensformen anpassen. II. In der guten a 11 e n Z e i t kamen nur selten Konflikte zwischen dem einzelnen und der damals noch wie eine permanente Mauer dastehenden Gesellschaft vor. Das Familienhaus und das „Kahal-Stübl", der Glieder und die Synagoge, die Gasse und der Markt waren von einem und demselben Geiste beherrscht. Von Zeit zu Zeit vernahm man nur von abtrünnigen jüdischen Söhnen oder Töchtern, denen es eng wurde hinter den Mauern. Die betroffene Familie „saß schiwolr1, beweinte den Verlust und fügte sich noch fester zusammen. Zu tief war der Abgrund, der die jüdische Welt von den Abtrünnigen trennte, tiefer als der zwischen Leben und Tod. Im Ghetto fehlten die Voraussetzungen einer freien Entwicklung. Die Mauern schützten zwar das jüdische Heim, ließen aber das Volk in Finsternis verkümmern. Materielles Elend und geistige Zurückgebliebenheit riefen eine Mißgestaltung der Lebensweise hervor. Die in der Tradition der Sittenreinheit begründete Bestrebung, im jugendlichen Alter zu heiraten, artete, besonders seit den schrecklichen Zeiten der gewaltsamen religiösen Assimilation jüdischer Kinder in den Kasernen Nikolai L, in das verstümmelte System der Kinder eben aus. Dadurch wurde der ausgesprochene freie Wille der Einschließenden so gut wie ausgeschaltet und den kleinlichen Familienrücksichten ein weiter Raum eröffnet. Die persönlichen Eigenschaften des Brautpaares durften keine ausschlaggebende Bedeutung haben, dagegen wurde das Schwergewicht nach dem Ansehen der Familie verlegt: hauptsächlich wurde nach „Jichusu *) gefragt. Der Schadehen (Heiratsvermittler) wurde ein wichtiger Faktor im jüdischen Leben und zählte, wegen der Heiligkeit der J5he, zu den Funktionaren des „heiligen Dienstes'4. Die in der tiefen Religiosität des Volkes wurzelnde grenzenlose Zuversicht und Vertrauen auf den himmlischen Vater kamen häufig in jener morschen Passivität des arbeitsscheuen Ehemannes zum Ausdruck, der es für angebracht hielt, den schweren Kampf ums Dasein der Fniu zu überlassen und sich dem ausschließlichen Studium der heiligen Bücher zu widmen. Im Zeitalter des Verfalls der jüdischen Gemeinde, als die soziale Fürsorge den Dienst versagte, wurde der Kinderreichtum zu einer Plage. Zu gleicher Zeit w\irde aber viel für die Seele gesorgt nud die Machthaber in den Ge- . meinden übten, gestützt auf die öffentliche Meinung, die Kontrolle über das Privatleben aus. In Ehe- und Scheidungsangelegenheiten griff die Gesellschaft vielfach ein und übte auf die Betreffenden einen Zwang aus. So nahm das Familienleben Stil und Form an, die in das Bild der Epoche hineinpassen. l) Vornehme Herkunft.

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