Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- Das jüdische Familienleben im Osten
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 313 (sequence 3)
- Language
- German
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313 der Ehe. Wer eine Ehe eingeht und eine Familie gründet, erbaut sich „ein Haus in Israel". Vollwertige Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind nur Familienväter und nur diese werden Baale-Batim genannt (Baal-Habais Hausherr). Wer nicht heiratet, kinderlos stirbt, „rottet seinen Namen aus dem Volke aus". Die Bedeutung der Ehe ragt also weit über die einer persönlichen oder Familienangelegenheit heraus. Im Laufe von Jahrhunderten, da die Religion alle Zweige des jüdischen Lebens und alle Kräfte des Geistes beherrschte, fand auch der jüdische Familiensinn nur auf dem religiösen Gebiete weite Betätigung. Wie die" jüdischen Gemeinden, wie alles jüdische Gemeinwesen, nahm auch die Familie einen religiösen Charakter an. Die Religion stützte sich auf den Familiensinn, letzterer fand in der Religion einen sicheren Nährboden. Die eigentümliche geistige Atmosphäre, mit der die Religion die jüdische Welt umgeben hat, konnte nur geschaffen werden dank dem jüdischen Familienleben. Das jüdische Kind ist der Trost und das Glück seiner Eltern, weil es ihnen ein weites Feld religiöser Betätigung eröffnet und so ihr Leben inhaltvoll und bedeutsam macht. Das Einführen des Sohnes in das geistige Reich des Judentums, die religiöse Erziehung, ist eine der schwierigsten, aber auch heiligsten und genußreichsten Pflichten des jüdischen Vaters. Der Sohn ist die Hoffnung der Eltern, denn er wird nach deren Ableben den Kad(lisch sprechen. So greift die Religion in das Leben der Familie ein und schafft sich feste Grundlagen, indem sie das Familienleben durch tausend Fäden mit der religiösen Betätigung verknüpft. Zahlreiche religiöse Pflichten beziehen sich nur auf Verheiratete, verschiedene gottesdienstliche Funktionen werden nur von diesen verrichtet. Die schönsten und erhabensten Bräuche können sich nur im Rahmen des Familienlebens abspielen. Könnte der Sabbat, könnten denn die jüdischen Feste außerhalb dieses Kreises gefeiert werden? Befreit von den Sorgen und den Fesseln des Alltags, gibt sich der arme und ärmste Mann aus dem Volke der Freude am friedlichen und geheiligten Familienleben hin. Diese Familie ist-nicht eine enge, abgeschlossene Gemeinschaft, sondern nur eine Zelle des unteilbaren Volksganzen, das die große Familie Israel bildet. Und bevor der Jude am Sabbateingang in sein Haus tritt, um die Engel des Friedens zu begrüßen und das Lobgedicht auf die Frau („Wem ein tugendsam Weib bescheret ist, die ist viel edler denn die köstlichen Perlen usw." Sprüche Salomonis, 31, 10 ff.) zu rezitieren, &ing*t er im Gotteshause das Lied von der Liebe des himmlischen Bräutigams zu seiner edlen Braut, der Prinzessin Sabbat. Und wenn der Jude einen armen Gast mit in sein Haus zum Sabbatmahl bringt (der Sabbatgast, der „Orach-leschabos", darf in einem guten jüdischen Hause nicht ausbleiben), bezeugt er hierdurch seine Verwandtschaft nicht allein mit dem Volke, sondern auch mit der Gottheit, denn „ein Gast gleicht dem Herrn; wer den Gast ehrt, ehrt den Herrn der Welt4' (vgl. „Heb Schlomo Nogid" von A sch). So geht die Familie in der Volksgemeinschaft auf und. erreicht ein höheres Dasein.