Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- Das jüdische Familienleben im Osten
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 312 (sequence 2)
- Language
- German
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312 zu betrachten, in der fast alle modernen sozialen Klassen und geistigen Strömungen vertreten sind. Besteht aber trotz der strengen Klassen« gliederung moderner Völker der Begriff „Volksmasse" als eine zwar mangelhaft begrenzte, aber doch unleugbare Einheit, die verschiedene Volksschichten umfaßt und gleichsam den Kern der Nation bildet so muß dieser „Volksmasse" eine ganz besondere Bedeutung bei Völkern beigemessen werden, die, wie das jüdische, stets fremden Einwirkungen ausgesetzt sind und die Neigung haben, aus ihrer historischen Balm herauszugleiten. In diesem Falle spielen die kompakten Volksmassen die Rolle einer Schutzwehr gegen fremde Einwirkungen, einer nationerhaltenden Zentralkraft, die den an der Oberfläche des Volkskörpers wirkenden Zentrifugal kräften das Gleichgewicht hält. Das bedeutet durchaus nicht, daß dieser Volkskern sich durch starres Festhalten an dem Überlieferten auszeichnen muß; es besagt nur, daß er auf seinem eigenen Wege dem historischen Fortschritt entgegenzugehen bestrebt ist. Und wenn der historische Entwicklungsprozeß manche Grundpfeiler der sozialen Ordnung und der durch Jahrhunderte alte Traditionen geheiligten Lebensart auch wanken ließ, so vermochten die jüdischen Volksmassen doch vieles von dem Ererbten beizubehalten und ihm neue Lebenskraft zu verleihen. Auf diese Weise konnte auch das traditionelle jüdische Familienleben in der Neuzeit erhalten werden. Freilich bezieht sieh dies in erster Linie auf die oben gekennzeichneten Volksschichten. I. Der jüdische Familiensinn ist uralten Ursprungs und wurzelt in dem dem jüdischen Volke eigentümlichen Gern ein sinn. Die Familie ist die Zelle des Gemeinwesens und sichert dessen Fortbestand und Weiterentwicklung. Das Fortbestehen ist aber der Hauptzweck der jüdischen Gemeinschaft Das auserwählte Volk darf nicht untergehen: „Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, daß du das Leben erwählest" (5. Mosis, 30, 19). Die göttliche Weisheit, die Thora ist „ein Baum des L e b e n s allen, die sie ergreifen'4 (Sprüche Salomonis, 3, 18). Die Erde hat keine andere Bestimmung, als den auf ihr lebenden Menschen zu dienen: „Der Himmel allenthalben ist des Herrn; aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben" (Psalm 11">, 16). Moses wußte keine bessere Belohnung für die Erfüllung der Gebote Gottes, als ewiges Leben dem jüdischen Stamme zu versprechen: „daß du und deine Kinder lange lebest auf dem Lande, das der Herr deinen Vätern geschworen hat ihnen zu geben, so lange die Tage vom Himmel auf Erden währen" (5. Mosis, 11. 21). Das höchste Glück ist daher der Kindersegen:-*„Es wird niemand unter dir unfruchtbar sein*' (5. Mosis, 7, 14). In der Diaspora mußte der Selbsterhaltungstrieb des Volkes noch erstarken und wurde zu einer auch jetzt noch wirkenden, den Geist der Massen beherrschenden Kraft. Fest hält das Volk an der Heiligkeit