Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in West- und Osteuropa
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 310 (sequence 5)
- Language
- German
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310 nämlich sämtlich die wirre Unordnung unseres Wirtschaftslebens beseitigen, wieder geregelte, geschlossene Bahnen des Daseins schaffen wollen und werden, und daß sie damit den Mittler teilweise hinausdrängen, überflüssig machen wollen und werden. Die drei Erscheinungen, von denen man eine grundsätzliche Wandlung in der Wirtschaftslage der Westjuden erwartete, heißen Großbetrieb, Kartellierung, Staatssozialismus. Je mehr der G r o ß b e t r i e b vordringt, um so mehr verschwindet der freie Markt; um so mehr wird, was bis dahin schwankend zwischen kleinen Betrieben ausgeglichen werden mußte, nun im großen Betriebe selber ausgeglichen, es wird der Beeinflussung zugänglich, dem Willen, der Regelung; der Kaufmann mit seinem Marktgefühl wird teilweise ersetzt durch den kühl rechnenden Techniker der Organisation. Das klassische Bild für diese Erscheinungen zeigt das Bankwesen. Solange noch der kleine Bankier das Feld beherrschte, war die Börse, dieser Markt der Märkte, diese Domäne des Judentums seit 300 Jahien, ausschlaggebend für alle diese kleinen Betriebe. Auf sie mußten alle irgendwie leitenden Persönlichkeiten im Bankgeschäft sich einstellen, aus ihrem nervenzerrüttenden Getriebe kamen die höchsten Entscheidungen, die freilich nur Entscheidungen für Stunden waren. Je mehr die Banken sich ausdehnten, um so mehr übersahen sie im eigenen Betriebe schon Angebot und Nachfrage; so schwand die Notwendigkeit, an den Markt zu gehen. Für große Teile des Geldmarktes ist .heute die Bedeutung der Börse ganz geschwunden. Damit'zugleich entfiel aber die Notwendigkeit, daß die leitenden Personen sich marktmäßig orientierten. Was sonst an der Börse unter Anwendung aller Rechen- und Redekünste zum Ausgleich gebracht worden war, das fand sich jetzt mechanisch zueinander im Innern des großen Bankbetriebeb. Den Spekulationsmakler ersetzte der Buchhalter. Mechanisch arbeitende Hilfskräfte traten an die Stelle der in höchster spekulativer Erregung ringenden Börsenleute. Ganz wenige leitende Köpfe übersehen jeweils genau den Stand von Soll und Haben in weiten Gebieten der Volkswirtschaft; die große.Masse der Spekulierenden, der einst gefühlsmäßig die Marktlage Ahnenden, ist ersetzt durch die Oligarchie der Wissenden, ruhig Kalkulierenden. Der leitenden Persönlichkeiten werden weniger als vorher, und von diesen ist die Mehrzahl noch reine Techniker des Bankbetriebes, nur die besten haben noch Aufgaben, die darüber hinaus ins Ungewisse zielen. Von ^denen freilich ist noch immer ein großer Bruchteil Juden. Und wie hier, so anderswo. Der Großbetrieb trat an die Stelle der Kleinen auf dem Markte, und wo nicht ein Großbetrieb den Markt allein beherrschte, da schlössen sich die Anbieter zusammen, Waren es wenige Große, dann kam der Trust, die gewaltige Einheitsunternehmung; waren es viele Kleine, so kam das Kartell; der Zusammenschluß suchte den Markt zu regieren, er bestimmte mehr und mehr den Zugang zum Gewerbe. Dieser Zusammenschluß, so schien eine uralte Lehre aus der Leidensgeschichte des jüdischen Stammes zu sagen, be-