Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in West- und Osteuropa
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 309 (sequence 4)
- Language
- German
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309 richtung, und immer schneller wurde all das verbraucht, die Mode und ihre Launen ließen solche Käufe sich noch viel schneller häufen als der ]lastende Verbrauch. — Und wiederum: Vermittler war von alters her der Jude, er war der Händler, der Kaufmann gewesen, seinem nervösen Temperament sagte vor allem die Mode zu, er wurde der unbestrittene Herrscher im ganzen Reiche der launenhaften Mode. Und dazu ein Drittes: Es kommerzialisierte sich nicht nur das Verbrauchsleben, sondern auch die Arbeit. Die gewerbliche Erzeugung löste sich von ihrem Zusammenhang mit dem Verbraucher, die Industrie arbeitete für ein Unbekanntes, für „den Markt". Der Handwerker von einst kannte keinen Offertbrief und keine Annonce, keine Buchhaltung und meist keine Kalkulation. Jetzt wurde all das zur wichtigen Kunst, und zur bedeutsamsten wurde die Beobachtung des Marktes, des Absatzes. Denn .so seufzte in Friedenszeiten das moderne Gretchen: Am Absatz hängt, nach Absatz drängt doch alles. Dieses geheimnisvolle Etwas, den Markt mit seinen unberechenbaren Schwankungen, Störungen und plötzlich sich bietenden glänzenden Gelegenheiten kennt allein der Kaufmann, und von alters her kennt ihn der Jude. Und so zog die Industrie die besten kaufmännischen Elemente in sich hinein, so wurde der Jude der kaufmännische Leiter der Fabriken, so wurde er Industrieller. Ganz dieselben Entwicklungstendenzen ergriffen weite Teile des Verkehrswesens, erfaßten das schnell zu enormer Größe sich ausweisende Bank- und Versicherungswesen, und selbst die Landwirtschaft stellte sich je länger je mehr auf marktmäßigen Absatz ein. Es war eine glänzende Konjunktur für den Juden und seine spezifischen Fähigkeiten; er leistete der sieh umorganisierenden europäischen Menschheit Dienste, die kein anderer leisten konnte; kein Wunder, daß ihm reicher Gewinn zufiel. ^>o ergab sieh das Bild der Wohlhabenheit und des Reichtums. II. Demgegenüber erhob sich laut und machtlos die Stimme derer, die verlangten: Das soll nicht sein! Sie versuchten es mit Börsengesetz und Warenhaussteuer und unlauteren Wettbewerbungsparagraphen; aber diese kleinen in den Weg geworfenen Steinchen konnten den rollenden Wagen der Verstadtlichung nicht aufhalten, und sein Lauf bedeutete ein Aufwärts für die Juden des Westens. Aber erst schüchtern und dann immer lauter erklärten die andern: D a s k a n n nicht von Dauer sei n. Segall2) sprach vor vier Jahren' zuerst die Meinung aus, daß die Juden die Höhe ihrer wirtschaftlichen Entwicklung schon überchritten hätten, daß eine Abwärtsbewegung schon eingesetzt habe und binnen kurzem in weit stärkerem Grade zu erwarten sei. Drei große Neuerscheinungen des Wirtschaftslebens kann man als den Beginn des Abbröckeins in der glänzenden Front jüdischer Wirt- Schaftsbedingungen ansehen; sie entspringen alle einer Wurzel, daß sie 2) Jakob S e g a 11, „Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland", Berlin 1915, S. 71.