Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in West- und Osteuropa
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 311 (sequence 6)
- Language
- German
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311 deutete aber für den Juden noch allermeist den Ausschluß. Das Kartell, der Zusammenschluß, so sagte man, ist die moderne Zunft. Noch ist der Jude gern darin gesehen, solange es zusammengefügt, aufgerichtet, ausgebaut werden muß. Noch sind Juden die Herausgeber der Kartellzeitschrit'tcn, noch sind Anwälte jüdischen Stammes die besten Bearbeiter der Kartellverträge und des Kartellrechtes, noch stellen sie anfangs an der Spitze des Kartells. Aber sind einmal die Bahnen des Absatzes gesichert, ist der Handel einmal im Kartell bureaukratisiert, dann hat der Jude seine Schuldigkeit getan, dann wird man ihn gehen heißen. Schon wenden sich die Genossenschaften der Landwirte gegen den jüdischen Viehhandel; schon wenden sich die Genossenschaften der Handwerker gegen den jüdischen Aufkäufer (man braucht nur an die fast plötzliche Ausschaltung des Handels durch die Fleischergenossenschaften, an die Verdrängung des Weinhandels durch Winzergenossenschaften, an die judenreinen Rabattsparvereine zu erinnern). Schon beginnen auch einzelne Kartelle Unterschiede zu machen zwischen Jude und Nichtjude. Und, so sagte man, so wird es in der Zukunft sein, wie es in der Vergangenheit war: Das Kartell, das Syndikat, diese neue Zunft wird den Rückgang des jüdischen Wohlstandes bedeuten. Dasselbe gilt von der immer weiter um sicli greifenden Macht des Staates und der Gemeinden im Wirtschaftsleben. Der Staatsso z i a 1 i s m u s hat seit der Jahrhundertwende schnelle und immer schnellere Fortschritte gemacht. In Staatsbetrieben hat aber von jeher die Mehrheit die Führung gehabt, und die, Juden sind von jeher eine Minderheit. Sobald nicht mehr die Tauglichkeit, die Brauchbarkeit allein den Ausschlag gibt, ist die Führerrolle vorbei; dann wird wieder der fremde Pharao befehlen, und die Juden werden wieder die Steine für andere schleppen. Schon hat der Staat seine Hand aufs Verkehrswesen gelegt, und damit war es dem jüdischen Unternehmungsgeiste, dem jüdischen Vorwärtsdrängen, verschlossen — wir kennen manchen jüdischen Direktor einer SchüTahrts- oder Autogeseilschaft, wir kennen im Verkehrswesen viele Juden im Speditionsgeschäfte, aber kaum einen jüdischen Chef einer Eisenbahndirektion und auch kaum einen jüdischen Stationsvorsteher. Schon hatte dieser Staatssozialismus vor dem Kriege weite Gebiete ergriffen, die Versorgung mit Licht und Kraft übernommen,, und schon vor dem Kriege drang er auch in die Waren- Vermittlung ein. Wo aber Staatsgewalt und Obrigkeit an die Stell« der Freiheit treten, da ist die Rolle des Juden ausgespielt, da kommt zuerst die Statistik, dann kommt die Prozentnorm, und zuletzt kommt der Pogrom in gröberer oder feinerer Form. (Fortsetzung folgt) Das jüdische Familienleben im Osten Von Lazar Abramson, München Wenn man von den Ostjuden spricht, muß man sich die Tatsache * stets vor Augen halten, daß diese keine sozial und kulturell homogene Masse darstellen. Das Ostjudentum ist vielmehr als eine nationale Gruppe