Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in West- und Osteuropa
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 308 (sequence 3)
- Language
- German
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308 anlagung hat den Juden von jeher zum Mittler aller Werte vorzüglich geeignet gemacht; der Jude war noch stets der Händler, der Kaufmann, der Verhändler par exellence. Die Wirtschaftsgeschichte des jüdischen Stammes ist die Geschichte des jüdischen Kaufmannes. Von den deutschen Juden sind heute sicherlich drei Viertel aller Berufstätigen in Handel, Gewerbe und Industrie tätig, und auch bei denen, die im Gewerbe stehen, ist nicht die Handarbeit, sondern vor allem die kaufmännische Tätigkeit, auf der*ihre Existenz ruht. Die' 7000 jüdischen Akademiker, die man vor 10 Jahren in Deutschland gezähLt hat, scheinen wie Luxuserscheinungen aus der breiten Masse hervorzuwachsen, über 125 000 Juden waren erwerbstätig im Handel, über 65 000 in Gewerbe und Industrie. Der jüdische Stamm als Ganzes ruhte auf seinen besonderen kaufmännischen, händlerischen, verhändlerischcn Fähigkeiten. Und diese Werte waren im letzten Menschenalter in einer Weise zur Geltung gekommen, wie niemals zuvor. Das eiserne Zeitalter der Industrie hatte die Menschheit verwandelt; dank ihm konnten unerhörte neue Menschenmassen auf dem Boden Europas emporwachsen. Aber diese neuen Völkerscharen blieben nicht wie einst an diesem Boden haften. Sie gerieten in Bewegung, ballten sich in den Großstädten und Industriebezirken zusammen, immer größere Massen auf wenigen Quadratkilometern, und je enger sie sich zusammendrängten, um so mehr entfernten sie sich von dem natürlichen Boden ihrer Ernährung, ihrer Versorgung. Alles mußte jetzt gekauft werden, die Nahrung und die Kleidung, die Wohnung und das Kinobillett, und je dringlicher diese Notwendigkeit auftrat, um so seltsamer die andere Erscheinung: je dichter die Menschen zusammenwohnten, je enger sie nebeneinander gingen und fuhren und schafften, um so fremder wurden sie einander. Ob der Zimmernachbar meiner Junggesellenbude protestantisch oder katholisch ist, ob er auf Bassermann schwört oder auf Scheidemann, was kümmert's mich? Alle alten Beziehungen waren gelöst, ein Mittler war überall notwendig geworden. Wer aber war dazu geeigneter, als er, der schon seit Jahrhunderten gezwungenermaßen ein Stadtbewohner gewesen war, dem die besondere Daseinsform der Stadt schon längst in Sinn und Gefühl übergegangen war, eben der Jude? So mußte also schon dieser Prozeß der Verstadtlichung, der Urbanisierung, ihn als Mittler besonders wertvoll machen; schon die einfachen Fähigkeiten des Stadtbewohners ließen ihn zum Vermittler und Agenten werden auf all den großen Märkten, auf welche die verwandelte Menschheit sich plötzlich verwiesen sah, auf dem Nahrungsmittelmarkt, auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Geldmarkt und dem Kapitalmarkt und vor allem auf dem Warenmärkte. Denn die nächste große Wirkung war die Kommerzialisierung des Wirtschaftslebens. Friedrich .Schiller spottet einmal über den Markt zu Heymarket, „wo immer andere "; Dinge noch in Ware sich verwandeln". Europa mit seinen wurzellos durcheinander gewirbelten Menschenmassen war ein einziges großes Heymarket geworden, alles wurde zur Ware. Zur Ware wurde unser täglich Brot und unsere Kleidung, zur Ware wurde das Haus und seine ^Ein-