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Neue jüdische Monatshefte · 1917-03-10 · Heft 11 (10.3.1917) · p. Seite 307

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 11 (10.3.1917)
Article
Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in West- und Osteuropa
Date
1917-03-10
Page
Seite 307 (sequence 2)
Language
German
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307 gesehene Parteiführer oder als angesehene Rechtsanwälte oder auch als Repräsentanten der jüdischen Kultusgemeinde. Und trotz der drängenden Notwendigkeit konnte ich die Frage nicht unterlassen, wie viele Juden denn überhaupt in Reims wohnten. Quelques centaines, ein paar hundert, vielleicht y2 % der Bevölkerung. Aber dieses halbe Prozent sollte unter den angesehenen Männern der Stadt mindestens 10, vielleicht auch mehr vom Hundert stellen, und riesengroß zeigte sich selbst in diesem furchtbaren Augenblick die besondere Wirtschaftslage des jüdischen Stammes in Westeuropa: So wenige sie an Zahl waren, sie gehörten wirtschaftlich zu den weitaus bestgestellten; sie waren die Gründer der neuen Fabriken und der großen Warenhäuser, sie waren unter den politischen Führern und unter den geistig Interessierten, und jene seltsame Regel trat hier in plastischer Deutlichkeit auf: daß der Jude um so besser wirtschaftlich und sozial in die Höhe kommt, in je geringerer Zahl er auftritt. Während es allen anderen Gemeinschaften um so besser geht, in je größerer Zahl sie beisammen sind, ist es bei den Juden genau umgekehrt. Wo sie insgesamt in der relativ kleinsten Zahl auftreten, wie in Italien, Frankreich, Skandinavien und England, da gelingt ihnen am stärksten der wirtschaftliche und soziale Aufstieg *). Und daß es den Juden in West- und Mitteleuropa in den letzten Jahrzehnten recht wohlcrgangen ist, das bestreitet im Ernste niemand. Mine Fülle von Material haben unsere Feinde darüber zusammengetragen. Mit schlagenden Beweisen hat besonders auch Sombart diese Erscheinung belegt: ein Viertel aller Aufsichtsratsstellen bei den deutschon Aktiengesellschaften waren in Händen von Juden und von Christen jüdischen Stammes; in den Vermögenssteuerlisten in Baden entfielen auf den Kopf des Juden durchweg sechs- bis achtmal so viel Vermögen wie auf den Kopf des Nichtjuden; ganz ähnliche Bilder ergab die Einkommensteuerstatistik, und bei den Wahlkämpfen in einer westdeutschen Stadt konnte man feststellen, daß in der III. Wählerklasse von den. Juden etwas mehr als ein Drittel wählte, von den Nichtjuden aber last neun Zehntel. Die Juden haben unzweifelhaft in West- und Mitteleuropa eine wirtschaftliche Sonderstellung. Sie ist in der Tatsache begründet, daß die wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen im letzten Menschenalter rhren besonderen Fähigkeiten so günstig gewesen sind wie nie zuvor. Diese besonderen Fähigkeiten kann man vielleicht für unsere Zwecke in diese kurzen Formeln fassen: von altersher besitzt der Jude eine größere geistige Regsamkeit und Anpassungsfähigkeit an neue, wechselnde Verhältnisse als andere Stämme; diese ist gepaart mit einem unauslöschlichen Willen zum sozialen Emporkommen und vor allem zur Selbständigkeit, und mit dem kühl-rechenhaften Blick, der selten fragt: was kann'ich aus der. Sache machen, in aller Regel vielmehr: was kann ich m i t der Sache machen? Und diese besondere seelische Ver- ■!'■„■■ l) Vergl. Wlad. \V. Kaplun-Kogan: „Die Wanderbewegungen der Juden", Bonn 1913, S. 10.

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