Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- Die österreichische Nationalitätenfrage und die Juden
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 305 (sequence 6)
- Language
- German
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305 den Sudetenländern hat sich die Richtigkeit dieser Auffassung ebenso gezeigt, wie in Galizien, Bukowina und Ungarn. Die Juden Böhmens, Muhrena und Schlesiens waren Jahrzehnte lang Nachläufer der deutschen und tschechischen Chauvinisten mit dem Ergebnis, daß in der deutschen wie tschechischen Gemeinbürgschaft der Antisemitismus triumphiert. Wenn nun zur Rechtfertigung der bisherigen falschen jüdischen Politik auf die Zerstreuung, sowie geringe Zahl der Juden in den Sudetenländern hingewiesen wird, so kann dieses Moment für die Vergangenheit — allerdings auch nur in beschränktem Maße — vieles erklären. Was aber für die Westjuden teilweise einer nationalen Betätigung hinderlich war, das trifft keineswegs für die nahezu eine Million Ostjuden Galiziens und der Bukowina zu. Bei einer demokratischen Organisation auf jüdisch-österreichischer Grundlage könnten die Juden dieser Kronländer nicht nur manche national-kulturelle Postulate erlangen und ihre politische, sowie wirtschaftliche Lage verbessern, sondern auch als ein völkerverbindender Stamm, eine starke Stütze des österreichischen. Reichsgedankens, des nationalen Friedens, des politischen wie wirtschaftlichen Fortschrittes im Osten unserer Monarchie werden. Die bisherige „Politik" der Juden in Galizien hat aber nicht nur den allpolnischen Antisemitismus gefördert, sondern auch in den andersnationalen Lagern viele Gegner der Juden gezüchtet. Die Deutschen und Ruthenen erblickten in den galizischen Juden ebenso Förderer der Polonisierung, wie die ungarischen Juden von den Deutschen, Rumänen und Slawen Ungarn-Kroatiens als Hauptstütze der Magyarisierung angesehen wurden und wie die Juden in Triest und im Küstenlande den Deutschen, Slowenen und Kroaten als Verwelschuugsapostel gelten. Daß alle diese Völker, welche mit Hilfe der Juden ihre nationale Gleichberechtigung vorenthalten wird, mehr oder •weniger zun) Antisemitismus neigen, ist erklärlich, ist aber eine der naturgemäßen und traurigsten Konsequenzen der jüdischen Assimilationspolitik. Ob es aber den Juden anderseits gelingen wird, sich die Stellung einer anerkannten gleichberechtigten Nationalität im habsburgischen Völkerreiche zu erringen, hängt wohl von verschiedenen Faktoren und Umständen ab, in erster Linie aber von dem Willen der Juden selbst hierzu, von dem Fortschreiten der Nationalisierung innerhalb Ihrer eigenen Reihen. Jedenfalls bildet die staatliche Anerkennung der Juden als Nation die Voraussetzung der Realisierung irgendwelcher nationaler Forderungen und speziell der Ausgestaltung der israelitischen Kultusgemeinden zu jüdischen Volksgemeinden. Allerdings sollte nie vergessen werden, daß die Juden eine natio sui generis sind und daß es eine Assimilation in zweiter Auflage wäre, wenn sie nach fremdnationaler Schablone ohne Rücksicht auf die bisherige Entwicklung und die wirtschaftlichen Be-