Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- Die österreichische Nationalitätenfrage und die Juden
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 306 (sequence 7)
- Language
- German
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306 dürfnisse der jüdischen Massen — die eine national-soziale Politik fordern — in einen doktrinären Nur-Nationalismus verfallen würden. Der jüdische Nationalismus muß vielmehr vom sozialen Geiste durchdrungen sein und seine Vertreter dürfen nie die Tatsache ignorieren, daß die Judennot zwar nicht ausschließlich, aber großenteils auch eine wirtschaftliche ist und daß speziell der Antisemitismus nicht bloß chauvinistischen, sondern auch ökonomischen Motiven entspringt. Die Förderung einer großzügigen Wirtschaftspolitik ist daher sowohl mit Rücksicht auf die wirtschaftliche, sich stets steigernde Not der Juden, als auch unter dem Gesichtspunkte der Herstellung besserer Beziehungen der Juden zu den anderen Völkern des Donaureichs eine ihrer wichtigsten nationalen Aufgaben. Soll aber ihre Lage in Österreich in politischer wie wirtschaftlicher Hinsicht sich bessern und soll weiter ein freundschaftliches Verhältnis zu den anderen Nationalitäten dauernd platzgreifen, dann ist hierzu eine Klärung, Verständigung und Organisation innerhalb der Juden unerläßlich. Sie ist möglich, wenn von einer höheren Warte aus an die Erörterung der einzelnen jüdischen Zeit- und Streitfragen geschritten wird und, wrio bei anderen Völkern, auch bei den Juden die Devise zum Durchbruch gelangt: In necessariis unitas, in dubiis liberalitas, in omnibus Caritas. Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in West- und Osteuropa Von Prof. Dr. J u 1 i u s Hirsch, Cöln I. Als am 11. September 1914 der Rückzug unserer Armee aus der alten französischen Krönungstadt Reims beschlossen war, erhielten wir Befehl, 100 der angesehensten Bürger der Stadt als Unterzeichner eines Aufrufes zusammenzurufen. Zusammen mit dem siebzigjährigen Bürgermeister und mit dem Vertreter des Erzbischofs stellten wir die Liste auf, während draußen schon der Kanonendonner zum wilden Trommeln anschwoll. Zunächst also angeschene Mitglieder der verschiedenen Religionsgemeinschaften: darunter alsbald M. Levy und M. Cohen. Dann angesehene Mitglieder der Kaufmannschaft: und gleich bei den ersten M. Cohen und M. L6vy. Dann hervorragende Industrielle; und gleich hinter den Namen Pommery und Mumm erschien auch schon Monsieur Dreyfuß und Monsieur Elkan. Wir gingen zu den bekannten Parteiführern über: Alsbald erschienen unter ihnen M. Kahen und M. Sarason, bei den Redakteuren waren es ganz ähnlich« Namen, und am Schlüsse ergab sich die Schwierigkeit: Wir hatten wohl 100 Namen, aber nicht 100 Männer; denn die Herren Cohen und Sarason und L6vy und Dreyfuß waren mehrmals genannt und sollten nun zugleich gerufen werden, sowohl als angesehene Mitglieder der Handelskammer, wie als große 'Industrielle oder wiederum als an-