Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- Die österreichische Nationalitätenfrage und die Juden
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 304 (sequence 5)
- Language
- German
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304 Gerade dsr Weltkrieg hat bewiesen, daß sie an Bedeutung hinter der polnißch-ruthenischen, ungarischen, südslawischen und rumänischen Frage weit zurücksteht Die letzten vor Kriegsausbruch geführten nicht parlamentarischen deutsch-tschechischen Ausgleichsverhandlungen haben übrigens übor alle Punkte der deutsch-tschechischen Ausgleichsmaterie zu einer Verständigung geführt Die Hauptdifferenz ist eine staatsrechtliche: Während die Deutschen Böhmens die nationale Selbstverwaltung beider Volksstämme fordern, begehrt die überwiegende Mehrheit der Tschechen (nach dem Vorbilde Ungarns, wenn auch nicht in dem Sinne der magyarischen Unabhängigkeitspartei) eine weitgehende Länderautonomie, — einen Böhmen, Mähren und Schlesien umfassenden böhmischen Staat Es verdient aber festgehalten zu werden, daß die Fahne des böhmischen Staatsrechts erst 1867 nach Etablierung des Dualismus und der dadurch erfolgten nationalen Trennung der ob^rungarischen Slowaken von den Tschechen von letzteren entrollt * wurde. Noch im Jahre 1848 forderte der damalige tschechische Parteiführer Palacky (von dem der Ausspruch herrührt: „Wenn Österreich nicht bestünde, müßte goschaffen werden") im Kremsierer Reichstag die Umgestaltung der Habsburger-Monarchie im Sinne eines national-territorialen Föderalismus. Dieser Vorschlag wurde von deutscher Seite damals abgelehnt Jetzt sind die Rollen vertauscht: Heute stellen diese Forderung ■— außer den internationalen Sozialdemokraten — die Deutschen Böhmens und teilweise Ungarns, die Ruthenen, Slowenen, die ungarischen Slowaken, Rumänen -und Serben, während die Deutschen der Alpenländer, ebenso wie die Tschechen, Polen und ein Teil der Kroaten die nationale Autonomie entweder ganz ablehnen oder eine Synthese zwischen der Länder- und Völkerautonomie erstreben. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so dürfte als Konsequenz der in sämtlichen nationalen Lagern diesbezüglich herrschenden Spaltung es zu einem bereits vom Kremsierer Verfassungsausschuß vorgeschlagenen Kompromisse kommen, daß innerhalb der bestehenden Kronländer möglichst nationaleinheitliche Kreise gebildet werden. Natürlich werden auch Gesetze zum Schutze sämtlicher Minderheiten nötig sein. Hingegen erstreben die Nationalradikalen aller Volksstämme die möglichste Assimilierung der andersnationalen Minoritäten in „ihrem" nationalen Gebiete, — nur die Judenassimilation wird in den meisten nationalen Lagern der Monarchie abgelehnt Ja vielfach hört man heute bereits in anderen nationalen Lagern — auch von antisemitischer Seite —: „Die Konstituierung der Juden als selbständige Nation ist die oberste Vorbedingung einer rationellen Lösung der Judenfrage, die stetigen Assimilationsverßuche der Juden vermehren die nationalen Reibungöflächon und steigern so auch den Antisemitismus" In