Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- Die österreichische Nationalitätenfrage und die Juden
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 302 (sequence 3)
- Language
- German
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302 Das hier auszugsweise zitierte Krakauer Programm zeigt den Weg, die Reibungsflächen der verschiedenen Nationalitäten des Donaureiches zu vermindern, jeder einzelnen und speziell auch der jüdischen durch Ausgestaltung der israelitischen Kultusgemeinden zu jüdischen Volksgemeinden, sowie deren organische Zusammenfassung, die freie nationale Entwicklung zu ermöglichen und auf diese Weise, das österreichische Keichsganze zu stärken und zu konsolidieren. Unter gar keinen Umständen darf das jüdische Volk als ein Minoritätsvolk die Unterdrückung einer andersnationalen Minderheit oder Mehrheit, sei es einer deutschen, slawischen oder romanischen, in irgendeinem Teile der Habsburger Monarchie aktiv oder passiv fördern. Hier trennt sich prinzipiell die Auffassung der national-jüdischen Demokratie von der assimilatorisch-jüdischen Politik, die — wie noch später auseinandergesetzt werden wird — verschiedenen Entnationalisierungsbestrebungen zum Schaden der Juden, anderer Völker und der Geßamtmonarchie (besonders in Ungarn) Vorschub leistete. Im Gegensatz zu einer solchen, den Rasse nantisemitismus fördernden Politik gebietet es die jüdische Ethik, die wahre Demokratie und die historische Mission der Monarchie auf Grundlage der nationalen Autonomie den Völkerfrieden im Donaureiche zu erstreben. Der größte Teil der jüdischen Assimilationspolitiker aber, die sich als Angehörige des deutschen, tschechischen, polnischen, italienischen oder magyarischen Volksstammes fühlen, beurteilt die Aufgaben der . Habsburger Monarchie, die Stellung ihrer Völker zueinander und zum Gesamtreiche unter dem höchst einseitigen Gesichtspunkte eines fremdnationalen Chauvinismus. Der demokratisch und sozial empfindende jüdische Moderne hingegen, welcher selbst auf nationalem Boden fußt, begreift sehr wohl den Kampf anderer Nationalitäten um ihre Existenz und um ihre Gleichberechtigung. Er muß daher in logischer Konsequenz seiner programmatischen Anschauungen für ein demokratisches völkerversöhtes Neu- Österreich eintreten und den Chauvinismus in allen Formen in sämtlichen nationalen Lagern bekämpfen. Dieser negativ^ chauvinistische Herrschaftsnationalismus bei allen Völkern des Donaureiches ist gekennzeichnet durch Unduldsamkeit in nationaler, Halbheit in religiöser, Klassenegoismus in wirtschaftlicher Hinsicht, sowie durch Erhaltung der großen Massen im Interesse einer egoistischen Mandatepolitik in politischer und ökonomischer Unwissenheit — statt Erziehung derselben für die höheren Formen der Kultur- und Wirtschaftspolitik. Dieser — vom Rassenantisemitismus untrennbare — nationale Fanatismus, der auch in St. Petersburg, London, Paris, Rom, Belgrad, Cetinje und Bukarest die Geister beherrschte und den Weltbrand entfachte, hat durch fünf Jahrzehnte hierzulande jeden kulturellen und sozialen Fortschritt immer von neuem gehindert. Dieser Nationalismus