Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- Die österreichische Nationalitätenfrage und die Juden
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 301 (sequence 2)
- Language
- German
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301 Boykott zur wirtschaftlichen Verelendung auch unseres Kleinbürgertums und Proletariats. Der Weltkrieg aber hat nicht nur viele alte Anschauungen über die sozialen Probleme und die Judenfrage als irrig gezeigt, sondern auch die Auffassung, die Nationalitätenfrage durch Bildung von einheitlichen Nationalstaaten zu lösen, aufs gründlichste als einen verhängnisvollen Irrtum widerlegt. Darum müssen die nationalen Programme aller Völker einer Revision unterzogen werden, welche territorialen Änderungen auch immer die europäische Landkarte erfahren sollte. In Gesamteuropa, und speziell in der Donaumonarchie, wird an Stelle eines negativen chauvinistischen, auf dem Herrschaftsprinzip basierenden, reaktionären Nationalismus, der positive, von sozialem Geiste erfüllte demokratische Kulturnationalismus treten müssen, damit ein dauernder Friede auf Grund der Völkerautonomie, eine gemeinsame Arbeit der Nationen am politischen und sozialen Fortschritte möglich sei. Dies ist eine allgemeine Lebensfrage der ganzen weißen Rasse Europas, die in großer Gefahr schwebt, bei Fortdauer ihrer bisherigen Kämpfe von Japan und den Vereinigten Staaten von Nordamerika aus ihrer führenden Stellung verdrängt zu werden. Ganz besonders ist das in der Diaspora lebende jüdische Minoritätsvolk an der Wandlung der Geister in der Auffassung der Nationalitätenfrage und speziell des österreichischen Problems interessiert. Von diesen Gesichtspunkten ausgehend, präzisiert das sogenannte Krakauer Programm den Standpunkt der österreichischen N a t i o n a 1 juden folgendermaßen: „Die nationale Einheit aller Juden und die Bestrebungen nach einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina stehen in keinerlei Widerspruch zur Staatsidee und zu den Staatsinteressen der einzelnen, von Juden bewohnten Länder. . . . Insbesondere gilt dies für Österreich . . . Von verschiedenen Völkern bewohnt, kann es seine politische Existenz nimmer auf die Idee eines einheitlichen Nationalstaates aufbauen, sondern muß seine Aufgabe gegenüber seinen Völkern darin suchen, deren Rechte und Freiheiten im Rahmen der Reichseinheit gleichmäßig anzuerkennen und zu fördern. In Österreich haben daher auch die Staatsbürger jüdischer Nationalität ein unantastbares Recht auf den Schutz und Ausbau ihres nationalen Lebens. Die Nationaljuden erstreben dieErhaltungund Stärkung eines Völkerstaates Österreich. ... Die ungleichmäßige Verteilung der einzelnen Nationen in den Kronländern Österreichs und die daraus resultierende Vergewaltigung nationaler Minderheiten erfoidern im Interesse des für das Staatswohl unerläßlichen nationalen Friedens eine volle nationale Autonomie der einzelnen Völker auf Grundlage lokaler demokratischer Selbstverwaltung ohne Rücksicht auf die territoriale Verteilung. Eine über den Völkern stehende starke zentrale Gewalt hat die Aufgabe, diese nationale Autonomie mit den gesamtstaatlichen Interessen in Einklang zu bringen/4