Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- Die österreichische Nationalitätenfrage und die Juden
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 300 (sequence 1)
- Language
- German
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300': Die österreichische Nationalitätenfrage und die Juden Von Dr. H.Jtadisch, Wien I. Einen wesentlichen, noch ungelösten Teil der Judenfrage bildet die Klärung des Verhältnisses der Juden zu den anderen Nationen. Eine besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei die Staaten, in welchen die Massen der Juden wohnen, also außer Rumänien die beiden Völkerreiche Rußland und die Habsburger-Monarchie. Das Wesen des Donaureiches, seine geschichtliche Aufgabe, sowie seine inneren Kämpfe — die naürliche Konsequenz einer seiner polyethnischen Natur nicht angepaßten Reichsverfassung —, wurden besonders im Auslande in ihren Ursachen und Wirkungen so falsch beurteilt, daß sie einen wesentlichen Anlaß zum Weltkriege bildeten. Da aber alle nationalen Probleme des Habsburger-Reiches nicht nur miteinander, sondern auch mit den balkanischen Fragen, sowie mit dem gesamten orientalischen Fragenkomplex (einschließlich des palästinensischen Problems) in einem engen Zusammenhange stehen, überdies die zwei Millionen Juden der Donaumonarchie zerstreut unter den anderen zehn Reichsvölkern wohnen, deren nationale Streitigkeiten einen bedeutsamen Anlaß zur Ausbreitung des Antisemitismus bildeten, so verdient die österreichisch-ungarische Nationalitätenfrage und die Stellung der Juden zu ihr eine eingehende Erörterung. Unsere Nationalitätenfrage ist — auch ganz abgesehen von den engen Beziehungen der beiden Zentralmächte zueinander — darum nicht ausschließlich ein innerstaaliches Problem, weil die Völker des Donaureiches sich fast ausnahmslos über die Reichsgrenze hinaus erstrecken. Sie ist vielmehr zugleich auch die gegenwärtige und zukünftige europäische Kernfrage: Einen modus vivendi zwischen den Germanen, Slawen, Magyaren, Romanen und Juden herbeizuführen. Dieses Völkerproblem für Europa vorbildlich zu lösen, ist heute mehr als je die geschichtliche Mission Neu-Österreichs, Sie mit allen Mitteln zu fördern, eine Pflicht der Modernen aller Kulturvölker, besonders aber der jüdischen Demokratie. Eine Fortdauer der staatsrechtlich-nationalen Kämpfe im Habsburger-Reiche muß in Gesamteuropa zur Verewigung des germanischslawisch-romanisch-magyarischen Antagonismus wesentlich beitragen. Dieser aber gefährdet in seinen Konsequenzen — auch bei Ansiedlimg eines Bruchteils der Juden in einer palästinensischen Heimstätte — aufs schwerste das physische, geistige und wirtschaftliche Wohl der Mehrheit unseres Volkes. Denn zum gesteigerten Rassenhasse gesellt sich ja stets die wirtschaftliche Not, unter welcher die jüdischen Massen empfindlich leiden; speziell im Donaureiche hinderte hauptsächlich der Nationalitätenkampf die parlamentarischen Vertretungskörper an einer großzügigen Wirtschaftspolitik und führte so nebst dem antisemitischen