Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 10 (25.2.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-02-25
- Page
- Seite 293 (sequence 3)
- Language
- German
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293 bleibt dabei eine belanglose Frage: seit der Welteroberung des Christentums hat die Geschichte einen beherrschenden christlichen Charakter. Diesen Gedanken hat auch der Jude unbedingt anzuerkennen; er wird ihm durch seine ganze schon elementar-wissonschaftliche Bildung eingeprägt. Daher aber überkommt ihn das beängstigende Gefühl einer Weltfremdheit gegenüber diesem Allgeist der Kultur. Er glaubt sich daher vor die Alternative gestellt: entweder die Welt zu bejahen und alsdann dem Geiste der Weltkultur sich schlechterdings unterzuordnen und einzugliedern, wie sehr dagegen auch sein religiöses Gewissen und sein soziales Milieugefühl sich streuben mag —, oder aber dieser ganzen Kulturwelt mit allen ihren Machtzaubern innerlich zu entsagen und sich auf das Paradies seiner religiösen Einsamkeit zurückzuziehen, welche die Gefahr einer nationalen Isolierung einzuschließen droht. Diese Alternative hält man allgemein für ein berechtigtes, ein unüberwindliches Entweder-Oder. Besteht sie denn aber wirklich aus gleichartigen Gliedern, die man in ein Verhältnis zueinander setzen darf? Ist es etwa der richtige Gegensatz zur Kultur mit ihren Zweideutigkeiten und Widersprüchen, sofern man diese als in der Religion gelegen erkennt, daß man den Übersprung macht von der religiösen zur nationalen Isolierung, anstatt bei der religiösen Selbstbesinnung zu verharren, welche allein zur religiösen Klärung und Kräftigung und auf diesem Grunde auch zu der Sicherheit einer kulturellen Selbständigkeit und Souveränität führen kann. Es ist ein offenes Geheimnis, daß der tiefste Grund der Notlage des modernen Judentums in der religiösen Unwissenheit beruht. Es ist nicht wahr, daß dem modernen Juden die religiöse Gesinnung fehle. Wilre dies -der Fall, so könnte er nicht so hoch stehen in der sozialen Gesinnung, in der er in der allgemeinen Fürsorge, wie auch in der jüdischen, so wahrhaft Vorzügliches leistet. Aber was ihm zu seinem religiösen Selbstgefühl mangelt, das ist die Kenntnis seiner eigensten religiösen Schätze. Und wahrend bis auf die letzten Zeiten diese Kenntnis eine weitverbreitete wissenschaftliehe der literarischen Quellen war, fehlt jetzt in den allgemeinsten Kreisen oft jede Spur einer religiösen Bildung. Wer im Konzert heute Händeis Messias hört, weiß nicht, daß im Bucht» Miob der Text zu der Arie steht: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt." So wird der Begriff des Erlösers selbst dem Juden erst durch die Kunst vermittelt, die er durchaus nur als eine christliche erkennen zu dürfen glaubt. Aber es ist. nicht allein die Unbekanntschaft mit dem jüdischen Faust, die die Bildung des modernen Juden kennzeichnet, sondern der gesamte Inhalt seiner alten Bibel ist für seinen modernen Geist wie nicht vorhanden, oder höchstens gestattet er sich insoweit Notiz davon zu nehmen, als die christliche Kultur sie ihm anempfiehlt oder zubilligt. Sein eigenes Herz aber treibt ihn nicht hin zu den Urgründen seines Geistes, zu den Urquellen der Religion —, welche ja doch die Voraussetzung des Christentums und der christlichen Kultur selbst sind.