Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 10 (25.2.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-02-25
- Page
- Seite 292 (sequence 2)
- Language
- German
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292 welches das Gefühl der Fremdheit innerhalb der christlichen Kultur tür den Wankelmütigen bildet. Er glaubt nicht heimisch zu sein und so sich geben zu können in"der modernen Kultur, wenn er es nicht auch in der religiös-christlichen ist. Und er glaubt deshalb sogar zur Kirche flüchten zu dürfen, weil man sonst in der allgemeinen Kultur das Gefühl des Fremdlings nicht verlieren zu können fürchten muß. Die allgemeine Kultur ist ja allerdings in allen ihren sittlichen Strömungen, geschweige in den Schöpfungen aller Künste von den Stoffen des christlichen Glaubens und in diesen daher auch von den inneren Formen der christlichen Gesinnung erfüllt, belebt und beseelt. So scheint es nicht die Kirche, sondern die Kultur zu fordern, daß das Christentum angenommen werde, wie sehr dagegen immer die religiöse Gesinnung, die religiöse Wahrhaftigkeit, das natürlich menschliche Gefühl selbst sich streuhen mag. Dennoch aber ist dieses Bedenken, so gewaltig es sich auftürmt, nur ein Vorwand, nur eine Vorspiegelung. Denn wie könnte man den Hegriff der allgemeinen Kultur in seiner Überordnimg hochhalten, wenn man unter ihm die Religion nur als ein kirchliches Faktum annimmt, nicht aber als das tiefste Geheimnis der persönlichen Überzeugung? Wie kann man den Idealbegriff der Kultur als Leitbegriff des modernen Daseins suchen, wenn man dabei die Wahrhaftigkeit überspringt, die ja ihre tiefste Wurzel in der persönlichen Verantwortlichkeit hat, welche die Seele des Menschen zu ihrem Gotte hinzieht: zu dem Gott, den sie nur in Harmonie denken darf mit allen echten Wahrheiten der ansteigenden Kultur. Nur wer die Gotteslehre des Christentums als den Geist der allgemeinen Kultur anerkennt, darf daher aus Rücksichten auf die allgemeine Kultur zur Annahme des Christentums sich berechtigt glauben. Die religiöse Überzeugung hat bekanntlich ihre llauptquelle nicht in' der Erkenntnis, nicht im Wissen, nicht in der Bildimg, sondern vorab in der Geburt und in der Tradition der Familie. Diese historische Tradition bildet nun aber nicht an sich einen Gegensatz zum Wissen: denn sie vermittelt das Wissen. Der allgemeine Unterricht aber, der jetzt den Juden mit dem Christen verbindet, verbindet ihn daher auch mit den christlichen GUtubensstoffen, insofern diese die Unterrichtsstoffe aller geschichtlichen und insbesondere aller ästhetischen Bildung sind. So besteht für den Christen überhaupt kein Gegensatz zwischen seiner . Aufnahme in die christliche Religion und seiner geistig-religiösen Bildung. Nur wo über das historische Wissen hinaus die Gewissensfrage sich erhebt für die Wahrheit der Religion, da tritt auch für ihn der Konflikt ein. Und hier macht sich nun das viel verschlungene Spiel der Idealisierungskünste geltend, welche den sachlichen Wert der religiösen Gedanken und der Glaubenssätze mit der persönlichen Wahrhaftigkeit zu vereinbaren und in Einklang zu bringen streben. So gewaltig diese Kampfe sind für den einzelnen, wie für die Gemeinde, so vermögen sie doch dem Gesamtcharakter des christlichen Weltalters das Ansehen der Einheitlichkeit nicht zu entreißen. Selbst die Geschichtlichkeit Christi