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Neue jüdische Monatshefte · 1917-02-25 · Heft 10 (25.2.1917) · p. Seite 294

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 10 (25.2.1917)
Article
Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
Date
1917-02-25
Page
Seite 294 (sequence 4)
Language
German
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294 Hier sind wir an dem Punkte angelangt, um die Berechtigung; dieses Scheins' der Fremdheit, der den Juden in der modernen Welt, sofern sie christlich sei, überfüllt: als ob diese christliche Weit eine durchaus selbständig» Schöpfung der christlichen Ideen wäre, an der er selbst nicht a 1 s s c h ö p f e r i s c h e s S u b j e k t wesentlich mitgewirkt hätte. So war es zu Anfang. So ist es im Mittelalter selbst geblieben. So ist. es wieder erneut geworden im Beginne der neueren Zeit. So ist es verblieben bis auf den heutigen Tag. Und so wird es bleiben, so hinge diese ganze Kultur in ihren religiösen und sittlichen Grundvesten be-' stehen bleibt. Diesen Anteil des Judentums an den Ursprüngen und'an der Fortentwicklung der christlichen Kultur wollen wir in überschauenden Blicken betrachten,. um an dieser Orientierung das Vorurteil zu widerlegen, als ob der Jude die allgemeine Kultur fliehen müßte, um selbständiger Jude bleiben zu können. Der Jude bleibt vielmehr überall zu einem guten, vielleicht zum allerbesten Teil in seiner eigenen Welt, in deren tiefsten Gedankenstoffen, sofern er der allgemeinen Kultur mit seinem Geiste und seiner Seele sieh hingibt. 0DCIDIIDDIIÖI1CIDÖI3QI1 Umschau 0003 03 03OD 030 Ein Rcichsvcvband der österrcidtisclten Judcttgemcfndcti Es klingt wie ein Paradoxon: die österreichische Judenheit ist im Kriege erstarkt. Wie das? Ein erschreckend hoher Prozentsatz sitzt in den Flüchtlingslagern; 12 000 galizische Judenkinder sind verwaist — und diese Zahl wird von Kennern nur deshalb für so „gering" erklärt, weil große Seuchen die elternlosen Judenkinder ganzer Landstriche mitleidsvoll hinwegrafften —; 20000 .Juden hat der Uusso aus den vorübergehend besetzten Gebieten mitgeschleppt; tausende Bodenständiger, tüchtiger kleinbürgerlicher Existenzen sind zerbrochen, und dafür ist die dünne Schicht verworfener Abenteurer, der Ritter vom Kettenhandel, hinaufgeschnellt; die früher so gesuchte, ja unentbehrliche jüdische Kapitalskraft der Ostprovinzen ist vernichtet, — der Bauernstand ist nicht nur entschuldet, sondern reich geworden und pfeift auf den jüdischen Kredit —; die Familien sind zerrissen, seit Jahr und Tag suchen im Wege der Zeitnugen die jüdischen Soldaten ihre Eltern, Frauen und Geschwister, die Blüte der Jugend ist gefallen oder verkrüppelt — und doch? Jawohl: trotz alledem ist die Physiognomie des österreichischen Judentums verjüngt, sein Wille gestählt, sein (Jehaben selbstsicher. Als bei Kriegsbeginn der spezifisch österreichische Parteihader verstummte, der die Juden in alle fremd nationalen Lager zersprengt, in unzählige Gruppen und Klüngel aufgelöst hatte, vollzog sich ganz spontan ein Zusammenschluß. Diese fortschreitende N a t i o n a - 1 i s i e r u n g wurde durch das Hilswerk für die zuströmenden Ostjuden in den großen jüdischen Zentren gefördert. Ein wahrer Segen wurde dieses Hilfswerk — für die Helfenden. AVer sich irgendwie betätigte — mag er bis dahin „Deutsch-Demokrat" oder „tschechischer Realist11, „Freiheitlich-Sozialer" oder „gemäßigter Israelit", „Separatist" oder „konservativer Pole" gewesen sein — stand plötzlich der Judenfrage in ihren tausend Gestalten gegenüber, verwuchs mit der Masse, für die er zu sorgen hatte, wirkte im bewußt-jüdischen Sinne oder verschwand von der Oberfläche.

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