Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 10 (25.2.1917)
- Article
- Chassidische Legenden
- Date
- 1917-02-25
- Page
- Seite 290 (sequence 4)
- Language
- German
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290 aus. Hernach schickten sie Boten mit einem Wagen zu der Gemahlin ihres nunmehrigen Rabbi, daß sie gleichfalls zu ihnen übersiedle. Das alles trug sich vor den hohen Festtagen der Jahreswende zu. Da erschien aber der alte Rabbi seiner Schnur im Traume und sprach zu ihr: Fahre nicht hin» Als es Morgen wurde, weigerte sich das junge Weib, die Reise anzutreten, Diese Absage erregte den Unwillen der Schüler ihres Mannes, deren Wunsch es war, daß ihre Gebieterin hinfahre und das Verlangen des Gerechten erfülle. Das Weib achtete indessen nicht darauf. Es dauerte nicht lange, da verschied ihr Gemahl in der fernen Stadt, und der Schrein Gottes wurde geborgen. Da schämien sich die Jünger; sie erkannten, daß die Frau im Vorausschauen, des Kommenden ihnen überlegen war. Sie verhehlten ihr aber den Tod des Meisters und offenbarten das Geschehnis nur ihrem kleinen Sohne, damit der das Totengebet nach seinem Vater spreche. Er sollte aber vor seiner Mutter nichts davon verlauten lassen. Dieser war es jedoch aufgefallen, daß ihr Sohn eifrig darauf bedacht war, früh aufzustehen und ins Bethaus zu gehen, was er bislang nicht getan hatte. Als sie nun eines Tages nach dem Gotteshause ging, lehnte sie sich gegen die Wand des Betraumes für die Männer, um zu horchen, ob ihr Sohn nicht das Waisengebet sage. Sie konnte aber die gesprochenen Worte nicht gut hören. Als der Knabe aus dem Bethause kam, sprach die Mutter zu ihm: Warum verheimlichst du vor mir dein Tun? habe ich doch heute, vor dem Bethause stehend, gehört, wie du das Gebet der Leidtragenden hersagtest. So war der Knabe gezwungen, die Wahrheit zu bekennen, und die junge Frau beweinte ihren Mann sieben Tage. Als die Klagezeit vorüber war, fuhr sie nach der Stadt, wo ihr Mann verstorben war, um den Nachlaß in Empfang zu nehmen. Die Leute begegneten ihr mit großer Ehrfurcht und gaben am Sabbatiage in dem Hause, in dem sie abgestiegen war, ihr zu Ehren ein Mahl, zu dem alle Vornehmen der Stadt erschienen waren; sie wollten ihrTrost verschaffen, allein sie ließ sich nicht trösten. Bei der dritten Mahlzeit vor Ausgang des Sabbats hatten sich fast alle Einwohner der Stadt eingefunden und trugen die üblichen Sabbafgesänge vor. Die junge Frau aber saß auf dem Ruhebette bekümmert und betrübt neben der Frau des Gastgebers. Sie schlummerte ein, und es träumte ihr, daß sie sich in weiten, herrlichen Gemächern befände; eine Tür ging auf, und ihr verstorbener