Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1917-02-25 · Heft 10 (25.2.1917) · p. Seite 282

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 10 (25.2.1917)
Article
Saloniki
Date
1917-02-25
Page
Seite 282 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908701-2909433--0492-2909468
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

252 Für den, dem solche Tatsachen Rätsel bleiben, gibt es eine sehrsinfache Lösung derselben. Saloniki ist das einzige größere Judenzentrum in Europa, das nicht aus einem wie auch immer gearteten Ghetto hervorgegangen ist Das Saloniker Judentum brauchte den historischen Leidensweg von der Kammerknechtschaft über die politische Emanzipation zum gleichberechtigten Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht zu gehen. Gegründet als eine Freistatt, die der Herr von Konstantinopel Tausenden spanischer Juden gewährte, die ein alierchristliches „Königspaar aus Spanien" vertrieb (1492), hatte es sich bis auf den letzten Tag der türkischen Herrschaft einer Freiheit zu erfreuen, die vorbildlich sein könnte für manchen sehr modernen europäischen Staat und die dem Türkentum die dankbare Anerkennung des gesamten Judentums gesichert hat Will man ganz ermessen, was das europäische Judentum durch das Ghetto an gesunder Entwickelungskraft eingebüßt hat, dann muß man einige Zeit in Saloniki gelebt haben. Ein Gefühl der Beschämung, wie es stets der Schwache gegenüber dem Starken empfindet, bemächtigt sich jedes europäischen Juden, den das Schicksal dorthin verschlägt. Leider sind es nur verschwindend wenige, die solchen historischen Anschauungsunterricht genossen haben. Will man die Saloniker Verhältnisse mit zwei Worten kennzeichnen, die ihre Gegensätzlichkeit zum sonstigen jüdischen Leben in den Vordergrund stellen, so muß man sie gesund und unkompliziert nennen. Das jüdische Leben dort ist so normal, so in sich selbst verankert, wie das deutsche bei uns oder das englische in England. Am deutlichsten und für uns am überraschendsten zeigt sich das auf wirtschaftlich-sozialem Gebiet. Während man in anderen Großstädten mit starker jüdischer Bevölkerung eigentlich nur eine Wirtschaftklasse kennt — die des Händiertums — ist in Saloniki jede Bevölkerungsschicht im wesentlichen jüdisch. Ja, es gibt Berufsgattungen, die ausschließlich von Juden erfüllt werden, und zwar gerade die, welche besondere körperliche Kräfte erfordern. So haben sich die Hamale (Lastträger) im Hafen von Saloniki den Ruf wahrer Enakssöhne in der ganzen Levante erworben. Ebenso sind die meisten Fischerboote in jüdischen Händen, die Schmiede, Holzsattelmacher und Karrenbauer sind meistens Juden, und in den übrigen Handwerken sind sie weitaus in der Mehrzahl. Auch das Personal der Straßenbahn und die Führer der Motorboote sind Juden. Industrie kennt Saloniki noch wenig, aber es ist bezeichnend, daß in der einzigen Manufaktur größeren Stils und in den Lagern der ottomanischen Tabakregie Taueende jüdischer Mädchen beschäftigt werden. Auf dieser breiten Unterschicht baut sich nun die Schicht der Handelswelt auf mit all den dazugehörigen Berufsarten, vom einfachen Schiüßkommissionär bis zum Großkaufmann. - Wie es dort einen richtigen Handwerker- und Arbeiterstand gibt, so gibt es hier auch ein echtes

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.