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Neue jüdische Monatshefte · 1917-02-25 · Heft 10 (25.2.1917) · p. Seite 281

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 10 (25.2.1917)
Article
Saloniki
Date
1917-02-25
Page
Seite 281 (sequence 2)
Language
German
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261 hat, wird als mehr oder weniger zuverlässiges Feuilleton ebenfalls dem äußeren Eindruck gerecht. Für die jüdische Forschung, besonders. für ihre jüngsten Zweige: Demographie, Soziologie und Statistik stellt Saloniki eine nie wiederkehrende, leider völlig verfehlte Gelegenheit dar» Der während des Krieges so plötzlich herbeigeführte Umsturz aller dortigen .Verhältnisse läßt es auch fast aussichtslos erscheinen, in Zukunft etwa das in geradezu unbegreiflicher Weise Versäumte rekonstruierend wieder nachzuholen. Sicherlich wird Saloniki auch späterhin noch eine reiche Fundgrube für den jüdischen Forscher bilden: unwiederbringlich zerstört aber ist der Charakter der Stadt, der sie bisher bestellen ließ als die e i n z i g e j ü d i s c h e Großstadt der Welt m i t kultureller Autonomie und g e s u n d e m s o z i a 1 e n Aufbau. Saloniki, wie es war, bildete den schlagendsten Beweis gegen die „Notwendigkeit" der Anomalien im jüdischen Leben Europas. All die Galuth-Erscheinungen, an denen das jüdische Dasein auch unter relativ günstigen Lebensverhältnissen krankt, waren hier unbekannt. Das Entscheidende war weniger, daß die jüdische Bevölkerung in der Zweidrittelmehrheit war und das restliche Drittel sich auf soviel Nationalitäten verteilte, daß keine von ihnen Herrschaftsgelüste empfinden konnte. Im Gegenteil, es darf sicher als besonders kennzeichnend für jüdisch-politisches Denken betrachtet werden, daß wohl keine Majorität in gleicher Lage von so großzügiger Toleranz gegen fremdnational o Ansprüche gewesen wäre, wie sie die jüdische Mehrheit Salonikis gezeigt hat. Das Griechentum hat besonderen Anlaß, das anzuerkennen; seine sehr rührige und nicht immer einwandfreie Propaganda ist wohl nirgends so geringem äußeren Widerstand begegnet, wie im jüdischen Saloniki. Für die Frage des Verhältnisses zwischen kultureller Autonomie und staatlicher Einordnung war Saloniki das lehrreichste Beispiel besonders so lange es unter türkischer Herrschaft stand. Die ängstlichen Zweifel, ob bei national-kulturellem Eigenleben nicht der Zusammenhang mit dem politischen Zugehörigkeitskreise leide, werden am besten widerlegt durch den Hinweis auf die jüngste Epoche der türkischen Geschichte. Die Revolution von 1908, Envers Zug nach Konstantinopel und der Sieg des Jungtürkentums sind undenkbar ohne den moralischen und materiellen Rückhalt, den die Bewegung an den einflußreichen politischen Kreisen Salonikis gefunden hat. Zu Zeiten, als den konservativen Elementen in Deutschland das Jungtürkentum nichts war, als ein Revolutionären-Verein suchte man es in einem nicht näher zu kennzeichnenden Teil der deutschen Presse als „Judenmache" zu diskreditieren, und Enver Pascha erlangte Anwartschaft auf einen Platz im Semi-Gotha. Die rege reichspolitischo Aktivität der Saloniker Juden erfährt dadurch die stärkste Bestätigung. Jüdisch-kulturelle Autonomie bedeutet also anscheinend kein Hindernis zu gesamtstaalichem Mitlcben und Mitarbeiten.

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