Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 9 (10.2.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-02-10
- Page
- Seite 258 (sequence 3)
- Language
- German
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258 Standes für jüdische Universitätslehrer, deren Zukunft und deren Nachfolge, Aber es widerstrebt mir, auf diese ganze Rechnerei mich herabzulassen. Was ich diesem Kollegen und seinen Gesinnungsgenossen von den Universitäten bei diesem Anlaß zu sagen mich gedrungen fühle, ist folgendes: Die Lehrfreiheit ist das Palladium der Wissenschaft an den deutschen Universitäten. Schmoller hat sich ein Verdienst erworben, als er in dem Prozesse Arons für den Sozialdemokraten das Recht der Privatdozentur behauptete und zu wahren suchte. Da ging er wieder in den Spuren seines ehemaligen Kampfes gegen Treitschke. Aber auch die Selbstverwaltung muß innerhalb der Fakultäten vor Unrecht geschützt werden. In den Verwaltungskörpern der Fakultäten ist ja eine Identität von Obrigkeitsstaat und Volksstaat wirklich vorhanden. Oder sollten die Fakultäten etwa in ihrer Zusammensetzung und in ihren Beschlüssen vom Referendum des Volkes abhängig gemacht werden? Die Professoren selbst sind hier das Volk und zugleich die Obrigkeit. Um so dringlicher gilt für ihre persönliche Verantwortlichkeit die Forderung der politischen Gewissenhaftigkeit. Indessen will ich auch hier vornehmlich den Standpunkt der Wissenschaft vertreten. Nicht will ich aber in diesen Tagen unserer nationalen Bedrängnis etwa den Höhenstand unserer Universitäten insbesondere in manchen Wissenschaften in Frage ziehen. Auch will ich gar nichts von meinen über mehr als ein Menschenalter sich erstreckenden eigenen Erfahrungen weder im allgemeinen wissenschaftlichen Leben, noch gar im eigenen Fakultätsdienst verraten. Übrigens ist auch mir mancherlei im Laufe der Jahre von Angesicht zu Angesicht mitgeteilt ^worden, wie man im Ministerium selbst über die Fakultätsberichte an diesem zarten Punkte denkt. — Meine Sache jedoch ist vorzugsweise die Wahrung und Vertretung des prinzipiellen Standpunktes. Ich glaube demgemäß immer bei meinem Handwerk zu bleiben, wenn ich als Publizist das Wort ergreife. Nur von den Prinzipien der wissenschaftlichen Freiheit aus stelle ich meine Überlegungen an und richte bei diesem Anlaß meine Mahnung an die Berufsgenossen. Wenn man in eine Fakultätssitzung geht, für welche auf der Tagesordnung die Beratung über eine zu besetzende Professur steht, mit dem Gedanken: wenn nur nicht wieder ein Jude dabei in Frage kommt — dann verdirbt man sich schon mit diesem Gedanken die Stimmung und Gesinnung, aus der heraus ein imbefangenes wissenschaftliches Urteil hervorgehen kann. Ich denke gar nicht daran, daß der aus solcher Befangenheit zu umgehende etwaige jüdische Kandidat in manchen Fällen der bessere sei; ganz abgesehen von dieser Möglichkeit will ich nur hinweisen auf die Gefahr für die zu gewinnende Richtigkeit des wissenschaftlichen Urteils, welche durch jene Nebenüberlegung, selbst wenn sie nicht einmal die Oberleitung erhielte, unvermeidlich wird. Die wissenschaftliche Verantwortlichkeit wird abgestumpft durch jede Nebenrücksicht, auch durch die angeblich nationale! Und jeder, der die Schwierigkeit eines genauen wissenschaftlichen Urteils zu erwägen