Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 9 (10.2.1917)
- Article
- Die Lodzer Stadtratwahlen und ihre Bedeutung für das polnische Judentum
- Date
- 1917-02-10
- Page
- Seite 251 (sequence 3)
- Language
- German
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251 Polen, Deutsche und Juden wollten nach Warschauer Vorbild auch in Lodz ohne Wahlkampf ihr Stadtparlament in den "ersten fünf Kurien zustandebringen. Die Verhandlungen zogen sich bis zum letzten Tage hin. Die Deutschen, denen man nur drei Sitze anbot, haben gleich beim Beginne die Verhandlungen abgebrochen. Sie haben statt der drei angebotenen Sitze trotz der für sie so ungünstigen Verhältnisse acht erhalten, in normaler Zeit wären, es sicherlich weit mehr geworden. Die von manchen Teilen der polnischen Politiker so heftig angefeindeten Nationalisten haben in Lodz bis zum letzten Augenblick mit den Polen verhandelt. Die Polen waren bereit, ihnen achtzehn Sitze zuzugestehen, wobei die Nationalisten allerdings etwa acht Sitze an Assimilanten (zwei) und Orthodoxe (sechs) abgeben sollten. Die „bösen" Nationalisten waren damit einverstanden. Die Polen hatten also die ganze Zeit über keine prinzipiellen Bedenken gegen ein Zusammenarbeiten mit den Nationalisten geäußert. Durch einen Zufall, der mit dem Programm der Parteien gar nichts zu tun hatte, wurde der Block unmöglich: am letzten Tage der Einreichung der Listen erfuhren die Juden ganz zufällig, daß die Polen trotz der Verhandlungen mit den Juden Hingst eine Liste eingereicht hatten, ohne die Juden davon zu verstündigen. So wäre es nicht ausgeschlossen gewesen, daß die Juden ihre Listen nicht zur rechten Zeit hätten einreichen können, und tatsächlich haben die Orthodoxen darum auch am Wahlkampf nicht teilnehmen können, weil ihre Listen zu spät kamen. Nach diesen Vorgängen ging man mit einer gewissen gegenseitigen Verärgerung in den Wahlkampf. Die Polen schoben die Schuld für das Abbrechen der Verhandlungen auf die Juden, und die Juden gaben es den Polen zurück. Die zahlreichen Wahlversammlungen ließen schon erkennen, daß sich die Aussichten der Juden durch den Abbruch der Verhandlungen nur gebessert hatten. Dazu kam aber vor allem noch hinzu, daß jeder Jude jetzt bereit war, die Folgerung zu ziehen aus dem Verhalten der Stadtverordneten in Warschau. Man brauchte den «luden nur die eben geschehenen Vorgänge im Warschauer Stadtrat, die Schaffung eines Ghettos in der Markthalle, Verbot für Juden, den städtischen Park zu betreten, die schlechte Behandlung der jüdischen Reservistenfrauen und ähnliches mehr in Erinnerung zu bringen, um den Juden klarzumachen, daß sie, selbst wenn sie es nicht wollten, im Interesse ihrer eigenen Selbsterhaltung und ihrer Selbstwürde dafür Sorge tragen mußten, daß sich ähnliche Vorgänge nicht auch im Lodzer Stadtrat wiederholten. Die Fehler der Polen, anders kann man es beim besten Willen nicht bezeichnen, haben die Juden also dazu getrieben, ihre politischen Rechte den nationalen Führern anzuvertrauen. Denn es ist eine nicht wegzuleugnende Tatsache, daß auch der größte Teil der Orthodoxie für die nationalen Führer gestimmt hat, auch gegen die an und für sich in Lodz recht ehrenwerten Neoassimilanten, wohl nur um zu zeigen, daß auch sie, die sonst den nationalen Forderungen bewußt nicht so stark anhängen, es für